Samstag, 25. Mai 2019

Europa - eine politische Phantasie


Europa ist eine politische Phantasie, hervorgegangen aus dem Mythos der Antike, tief in der Mentalitätsgeschichte des Kontinents veranlagt und hat demgemäß auch eine lange Tradition innerhalb der literarischen und philosophischen Diskurse, die die politischen Debatten flankieren. - Eine kleine Literaturgeschichte der Europa-Essays.

Nur ein Dichter kann den Sinn von Europa erraten. - Seit der Romantik waren es die Dichter, die sich Gedanken über die Wiedergeburt von Europa oder Europas großes Erwachen gemacht haben. Europas großes Erwachen. Prominente Europa-Essays von 1800 bis heute. Essays als Instrument der Erforschung.

Schon 1799 träumte Novalis in seinem Essay »Die Christenheit oder Europa« die Aussöhnung und Vereinigung der europäischen Nationen herbei oder, wenn man lieber will, voraus. Natürlich hatte er dabei keine zweckpolitische Kooperation vor Augen, er wollte unter der Ägide einer sich neu formierenden katholischen Kirche eine supranationale und transkulturelle Idealzivilisation heraufdämmern sehen.

Nach einer ausgedehnten Periode der säkularen Verwahrlosung und Zertrennung, in der diverse Formen neuzeitlicher Weltaneignung durchgeprobt und auf die Spitze getrieben worden seien, stehe dem Kontinent nun die gloriose Reinkarnation des mittelalterlichen, alt-christlichen Europa, und damit verbunden, ein Wiedererwachen des heiligen Sinns fürs Universelle bevor. Strukturelle Bezugspunkte und zugleich Vorboten für dieses spirituelle Großereignis erkannte Novalis in der kontinuierlich fortschreitenden Vernetzung der Wissenschaften, im grenzüberschreitenden Aktivismus des Jesuitenordens sowie in Fichtes Erkenntnistheorie:

»Wenn eine neue Regung des bisher schlummernden Europa ins Spiel käme, wenn Europa wieder erwachen wollte, wenn ein Staat der Staaten, eine politische Wissenschaftslehre uns bevorstände!«

Vielleicht versteht der Dichter ja mehr von den Seelenbünden, den geheimen Wünschen und verborgenen Wirkungsmächten als ein Philosoph. Für den großen Romantiker Novalis war Europa jedenfalls eine glückliche Verheißung. Ähnlich wie in der Verfassungsvertragspräambel verrät sich in Novalis‘ Text die Ahnung, dass die Verheißung eines glücklichen Einklangs von entfesseltem bürgerlichem Expansionismus und sozialem Wertbewusstsein dem Versprechen des Unmöglichen gleichkommt. Novalis beschwört demzufolge die kommende goldene Zeit als einen ›Heiland, der wie ein echter Genius unter den Menschen einheimisch, nur geglaubt nicht gesehen werden‹, jedoch ›unter zahllosen Gestalten den Gläubigen sichtbar, als Brot und Wein verzehrt, als Geliebte umarmt, als Luft geatmet, als Wort und Gesang vernommen‹ und schlussendlich ›mit himmlischer Wollust, als Tod, unter den höchsten Schmerzen der Liebe, in das Innere des verbrausenden Leibes‹inhaliert werden kann.

»Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war,
eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Erdteil bewohnte.«


Novalis

Im 20. Jahrhundert war die große Romantik geschwunden, der Wunsch nach einem neuen Europa aber war geblieben. In die Vorstellung von Europa sind viele Geister eingegangen und was diese Geister als Inspiration eingebracht haben, ist ein Teil der europäischen Geistestradition.




Philosophen sind dazu angetan, die Welt rational, kritisch und reflexiv zu sehen. - In der Tradition der Europa-Essays dann eine Neubegründung durch Peter Sloterdijk.

Mit besonderem Nachdruck schließt 1994 Peter Sloterdijk an Paul Valérys Fortschrittsappelle an. In dem Essay mit dem anspielungsreichen Titel »Falls Europa erwacht«, verbindet er das Theorem von der genialen Progressivität des europäischen Geistes effektvoll mit Novalis‘ Idee einer Wiedergeburt Europas. Überall dort, so hatte Valéry zum Ende seiner Europareflexionen noch einmal bekräftigt, wo ›der europäische Geist zur Vorherrschaft‹ komme, trete ein ›Ensemble von Maxima‹ in Erscheinung: ein Maximum an Arbeit, Kapital, Macht, an ›Eingriffen in die äußere Natur‹, an ›Beziehung und Austausch‹. Sloterdijk erklärte diese Optimierungsthese zur nach wie vor ›gültige[n] Formel für die europäische Modernisierungsdynamik‹.


Sloterdijk bringt auf der Suche nach einer Antwort das ganze Arsenal europäischer Integrationsarchetypen in Stellung. Angesichts der Aufgabe, Europas politisches Selbstverständnis zu reformieren, imaginiert er Europa als ein weibliches Wesen, das das ihm Andere aus sich hervorzubringen vermöchte: ›Aus gutem Grund‹, so Sloterdijk, ›suchen die besten europäischen Intellektuellen nach subversiven Traditionen und Verfahren, die das Fremde im Eigenen, das Andere im Selben offenlegten. - Ja, wenn Europa doch ein Weib wäre.


Sowohl die Betitelung Europas als ›Weib‹ wie auch die Forderung nach einer Transzendenz genuin europäischer Wesensmerkmale zugunsten ihrer idealen Entfaltung sind Nietzsche entlehnt. Aus dem Kontakt zwischen männlicher Herrschaftslogik und weiblicher Antiautorität, der Kreuzung von ›Reich‹ und ›Nicht-Reich‹ wollte auch Sloterdijk eine neue, potente Menschheit hervorgehen sehen. Die kommenden Generationen sollen wieder Appetite für das Große entwickeln.

Daneben werden in seienr Progression Fichtes Tatphilosophie und Novalis‘ magischer Idealismus in Dienst genommen. Europa soll, um sich als Kosmos selbst quasi neu zur Welt zu bringen, in einem Akt ›rationaler Autosuggestion‹ oder des ›luziden Träumens‹ aus dem Material seiner politischen und ideellen Tradition eine Vision kreieren, an die es selbst zu glauben vermöchte und sie dann umsetzten ›wie ein alte lange inkarnierte Mission‹. In der Rebellion gegen die Misere des homo sapiens, gegen seine Endlichkeit und dem daraus geschöpften genuin europäischen Antrieb, ›Lebensformen zu schaffen, die den Menschen als ein von Grund auf reiches und zur Größe fähiges Wesen würdigen‹, erkennt Sloterdijk das Medium, durch das sich ein entsprechendes Sendungsbewusstsein auf adäquate Weise materialisieren könnte. Denn Europas historisches Recht sei ›seine große Aussage über den Menschen‹, sein Unrecht die ›Ausschließung der meisten aus dem Umfang des eigenen Besten‹. Im Sinne dieses Rechtsverständnisses erteilt er Europa das Mandat, die Welt mit Demokratie, Menschenrechten, Wissenschaft sowie mit der destillierten Güte des Lebens zu versorgen.

Ob nun Dichter, Denker oder Philosoph, ob dabei einer mythischen Geschichte folgend, mythologisch verklärt oder einem aufklärerischen Impuls folgend, ob Narrativ oder Essay - Europa muß im 21. Jahrhundert neu gedacht werden - muß sich (in einem spirituellen Akt) quasi neu zur Welt bringen! - Nehmen wir dazu ein bischen von Novalis‘ magischen Idealismus, von Paul Valérys Fortschrittsappellen und von Sloterdijks genialer Progressivität und träumen wir von einem neuen Europa!

Weblink:

Die Neue Europa - www.globkult.de/politik/europa


Samstag, 18. Mai 2019

»Falls Europa erwacht« von Peter Sloterdijk

Peter Sloterdijk

In der Tradition der Europa-Essays eine Neubegründung durch Peter Sloterdijk. »Falls Europa erwacht« ist ein 2002 veröffentlichter Essay von Peter Sloterdijk - eine 60-seitige Niederschrift einer umfassenden Betrachtung europäisch-politischem Bewusstseins, welches heute der unmodernen Tugend des Mutes und vor allem der visionären Phantasie eine neue Herausforderung abverlangt.

Auf dem Fundament seines weitreichenden Kulturwissens zeigt Peter Sloterdijk überzeugend historische Steuerungsprozesse, die bis heute europäisches Staats- und Machtverständnis prägen und offensichtlich als imperiales Gen die Europapolitik bestimmen und formen. Ohne eine durchgreifende Mutation an dieser Erbmasse, sieht der Autor keine Zukunft für eine moderne Kultur.

"Europa, einstmals „Reich der Mitte", ist seit 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg, aus seiner überlieferten Stellung in der Mitte der Welt herausgefallen. (Seite 7)."

Es geht Sloterdijk in seinem Essay um Europa und seinem Bewußtsein, denn dieses Bewußtsein von Europa wartet immer noch auf sein Erwachen. Sollte die politische Einbildungskraft der Europäer noch einmal offensiv anspringen, dann nur, wenn sie von dem Elan ergriffen würden, eine ganz neuartige, verfremdete Fortsetzung ihrer Geschichte zu erfinden‹.

Dieses Europa wurde 1945 durch die Alliierten von der nationalsozialistischen Diktatur befreit – zugleich aber von neuen Weltmächten im Westen und im Osten in die Zange genommen: Diese Doppelerfahrung der Befreiung und der endgültigen Aufgabe der einstigen Vormachtstellung Europas zieht sich über zwei Generationen hinweg. Erst nach der Lösung der Supermächteklammer sind die Europäer imstande, die Fragen nach den prägenden Merkmalen okzidentaler Identität mit neuer Verbindlichkeit zu stellen.

In dem Essay mit dem anspielungsreichen Titel »Falls Europa erwacht«, verbindet er das Theorem von der genialen Progressivität des europäischen Geistes effektvoll mit Novalis‘ Idee einer Wiedergeburt Europas. Überall dort, so hatte Valéry zum Ende seiner Europareflexionen noch einmal bekräftigt, wo ›der europäische Geist zur Vorherrschaft‹ komme, trete ein ›Ensemble von Maxima‹ in Erscheinung: ein Maximum an Arbeit, Kapital, Macht, an ›Eingriffen in die äußere Natur‹, an ›Beziehung und Austausch‹. Sloterdijk erklärte diese Optimierungsthese zur nach wie vor ›gültige[n] Formel für die europäische Modernisierungsdynamik‹.

Wie aber wäre Europas großes Erwachen unter den pazifistischen und postimperialen Bedingungen des späten 20. Jahrhunderts ins Werk zu setzen? Auch Sloterdijk bringt auf der Suche nach einer Antwort das ganze Arsenal europäischer Integrationsarchetypen in Stellung. Angesichts der Aufgabe, Europas politisches Selbstverständnis zu reformieren, imaginiert er Europa als ein weibliches Wesen, das das ihm Andere aus sich hervorzubringen vermöchte: ›Aus gutem Grund‹, so Sloterdijk, ›suchen die besten europäischen Intellektuellen nach subversiven Traditionen und Verfahren, die das Fremde im Eigenen, das Andere im Selben offenlegten. Ja, wenn Europa ein Weib wäre…




Es ist, so argumentiert Peter Sloterdijk, täglich bedrängender eine Situation entstanden, in der Europas Politiker aus ihrer Verwirrung nicht mehr herausfinden, wenn sie nicht geschichtsphilosophische Informationen und klare prophetische Orientierungen suchen.

Wie kann Europas Stellung heute beurteilt werden? Haben Europäer wieder gelernt, »Großes von sich zu fordern«, um einen Wiedereintritt in einen Horizont großer und größter Herausforderungen zu gewährleisten?




Europa muß neu gedacht werden! - Sloterdijk erweist - anknüpfend an die Tradition europäischer Essays - sich darin als Vordenker einer neuen Vision von Europa. Besonders faszinierend ist sein Postulat nach einer ganz eigenen und fundamental neuen Vision, die jede traditionelle Rechtfertigung politischer Macht in transzendentem göttlichen Auftrag oder irdischem Elite-Bewusstsein ablegt und ganz neue Motive und Strukturen europäischen Bewusstseins beinhaltet, die sich - ohne jede Erfahrungswerte - gegen Konservativismen und vor allem gegen "historisch erworbene Skepsis"  erst noch durchsetzen müssen.

Weblinks:

Peter Sloterdijk - Falls Europa erwacht - petersloterdijk.net


Rezensionen:

Rezension zu: P. Sloterdijk: Falls Europa erwacht - H-Soz-Kult - www.hsozkult.de

Peter Sloterdijk: Falls Europa erwacht - Begleitschreiben - www.begleitschreiben.net

Literatur:


Falls Europa erwacht: Gedanken zum Programm einer Weltmacht am Ende des Zeitalters ihrer politischen Absence
von Peter Sloterdijk

Donnerstag, 16. Mai 2019

Die Forderung nach einem demokratischen Sozialismus


Juso-Chef Kevin Kühnert hat mit seinen Einlassungen über eine Vergemeinschaftung von Automobilkonzernen eine heftige Debatte ausgelöst. Natürlich kann man, wie es viele gerade tun, seine Vorschläge zu Recht als ökonomisch unsinnig wegwischen. Aber sie treffen bei einem Teil der Bevölkerung einen Nerv.

Seine Forderungen nach einem demokratischen Sozialismus sollten deshalb Anlass sein, über den Zustand des Kapitalismus in Deutschland und dem Rest der Welt zu diskutieren. Wer würde sich nicht eine Welt freier Menschen wünschen, die kollektive Bedürfnisse in den Vordergrund stellt und nicht Profitstreben.

Allein schon die Tatsache, dass überhaupt wieder über die Frage von Wohlstand und Verteilung gesprochen wird, ist zu begrüßen. Man kann dann zu unterschiedlichen Standpunkten kommen, aber darüber muss wieder diskutiert werden. Der neoliberale laissez faire der letzten Jahrzehnte hat wohl nicht gerade zur Stabilisierung der Gesellschaften beigetragen.

Nichts schadet einem Land mehr als ein Mangel an Diskussion über die Zukunft! Mehr Diskussionen über die Frage, wie Wohlstand entsteht und wie er verteilt wird, ist zu begrüßen. Diskussion bildet die Grundlage aller Veränderung. Besonders die Mitte und links davon sollte mehr darüber diskutieren.

Im Grunde ganz banal: Die Wirtschaft ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Wirtschaft. Wenn Unternehmen und Einzelpersonen obszön große Vermögen ansammeln, die nichts mehr mit unternehmerischer Leistung zu haben, dann darf, kann und soll der Staat eingreifen. Das ist sogar letztlich durch das Grundgesetz und die Landesverfassungen abgesichert. Eigentum ist kein absolutes Recht. Es verpflichtet. Und ganz davon abgesehen: Das letzte Hemd hat keine Taschen.

Die Idee ist, dass im Kapitalismus nur derjenige adäquat handeln kann, der auch die nötige Grundausstattung hat und über die nötigen Eigentumsrechte verfügt. Das Ideal des egoistischen Nutzenmaximierer, der nebenbei zum Wohle der Gesellschaft, zum Gesamtnutzenmaximum, handelt, lässt sich nur realisieren, wenn auch wirklich alle die Möglichkeit dazu haben. Die logische Konsequenz wäre eine stärkere Besteuerung, beziehungsweise - um den Bogen zu Kühnert zu schlagen - eine Kollektivierung der Gewinne bei Unternehmen, um allen auch wirklich die Möglichkeit zu eröffnen.

Der Kapitalismus ist eine Blendung, hätte Elias Canetti gesagt. - Der Wohlstand mag zwar so hoch wie nie sein aber das sagt eben null über die Verteilung aus. Die geht nämlich von unten nach oben. Die Arbeitslosigkeit sinkt nur dank immer mehr prekärer Beschäftigungen.


Der Kapitalismus, der die Freiheit und die Verantwortung des Einzelnen betont, hat den sozialen Frieden bedrohliche Verwerfungen bei Verteilung des Wohlstandes hervorgebracht, welche der Korrektur bedürfen. Der Sozialismus, der die Gleichheit aller Menschen unter Einschränkung der Freiheit betont, hat sich dagegen als nicht zukunftsfähiges Modell erwiesen, da der Staat die Menschen bevormundet hat und den Einzelnen die Initiative abgenommen hat. Der Kapitalismus ist ohne Reformen jedoch auch kein zukunftsfähiges Modell. Die Zukunft eines Gesellschaftssystems hängt von seiner Reformierbarkeit ab, auftretende Mängel bedürfen der Reform. Die Frage ist, wie diese Reformen aussehen werden.

Dialektisch gesehen, stehen die Eigentumsverhältnisse den Möglichkeiten entgegen, die die Produktivkräfte heute zu schaffen imstande sind. Beide sind aber Produkte und essentielle Bestandteile des Kapitalismus. Das heißt, wir können den Kapitalismus nicht reformieren (quasi die Widersprüche abschaffen, ohne den Kapitalismus abzuschaffen), wir können ihn aber auch nur, aus sich heraus überwinden, indem wir ihn an seinen Widersprüchen selbst scheitern lassen, das heißt sie aufdecken und in Widerstand verwandeln.

Jede Gesellschaftsform ist es wert, bei auftretenden Mängeln im Spannungsfeld von Egalität und Freiheit Alternativen für eine bessere Welt bereitzustellen. Kein Gesellschaftskonzept sollte ohne Alternative sein, da eine gesellschaftliche Weiterentwicklung immer eine Alternative eines bestehenden Gesellschaftskonzeptes ist. Der Fortschritt bedingt die Alternative und entwickelt sich aus ihr heraus.

Eine Gesellschaft ist immer reformierbar, wenn der politische Wille dafür vorhanden ist. Auch der Sozialismus war reformierbar. Der "Prager Frühling" hat vor allen Dingen eines bewiesen: der Sozialismus ist durchaus reformierbar, wenn politische Kräfte sich für eine gesellschaftliche Veränderung durchringen können.


"Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein. Durch eine gemeinwirtschaftliche Ordnung soll das deutsche Volk eine Wirtschafts- und Sozialverfassung erhalten, die dem Recht und der Würde des Menschen entspricht, dem geistigen und materiellen Aufbau unseres Volkes dient und den inneren und äußeren Frieden sichert."

Wir müssen uns zudem bewusst sein, dass durch das weltumspannende Netz der Großkonzerne, speziell bei den Finanzkonzernen, extreme Macht konzentriert ist, welche die Demokratie und die Souveränität der Staaten bedrohen. Deshalb können die extremen Auffassungen von Kevin Kühnert ein Anstoß für die längst überfällige Diskussion darüber sein, was wir auf unserem Globus treiben.

Der Übergang zum Sozialismus geht mit vielen Ideen einher, angefangen von betrieblicher Mitbestimmung bis hin zur radikalen Enteignung. Kevin Kühnert wandelt mit seinen Einlassungen auf den Spuren berühmter Vordenker, die über eine Reform des Sozialismus nachgedacht haben. Vordenker eines demokratischen Sozialismus sind der Ökonom und Reformer Ota Sik, der ökonomische Kopf und wichtige Wirtschaftsreformer unter Alexander Dubcek mit seinem wegweisenden Modell einer humanen Wirtschaftsdemokratie und der deutsche Philosoph Rudolf Bahro und der Physiker und Kritiker Robert Havemann. Es geht um einen dritten Weg.

Der Ökonom und Reformer Ota Sik wurde durch seine Arbeiten der Verbindung von Plan- und Marktwirtschaft bekannt. Er bezeichnete sein Modell als „dritten Weg“ und seinen dritten Weg als humane Wirtschaftsdemokratie, wobei die Planelemente gegenüber dem Markt zunehmend in den Hintergrund traten. »Der dritte Weg« von Ota Sik liefert eine marxistische-leninistische Theorie der modernen Industriegesellschaft.

Auf der mikroökonomischen, also betrieblichen Ebene sieht das Konzept einer Humanen Wirtschaftsdemokratie ökonomisch effizient arbeitende, über den Marktdruck den Verbraucherwünschen entsprechende Betriebe vor, die intern so organisiert sind, dass der Produktionsprozess möglichst human verläuft, dass also betriebliche Entfremdung möglichst weit abgebaut wird.

Der "Prager Frühling" hat vor allen Dingen eines bewiesen: der Sozialismus ist durch reformierbar, wenn politische Kräfte sich für eine gesellschaftliche Veränderung durchringen können.

Rudolf Bahro, der Vordenker des Marxismus gehörte zu den profiliertesten Dissidenten der DDR und wurde durch sein sozialismuskritisches Buch »Die Alternative« (1977) bekannt. Auch »Die Alternative« liefert eine marxistische-leninistische Theorie der modernen Industriegesellschaft.


Zudem gilt es noch, die Vereinbarkeit mit der Verfassung zu bedenken:

Ein demokratischer Sozialismus ist mit den in der Verfassung (Grundgesetz) garantierten Eigentumsrechten nicht vereinbar, denn die Garantie des Privateigentums und damit die Garantie der Verfügungsrechte über dessen Nutzung, ist die Grundlage des Kapitalismus, der demokratische Sozialismus fordert jedoch eine Vergesellschaftlichung des Produktivkapitals bzw. die Gründung einer vergesellschafteten Volkswirtschaft als Grundlage einer humanen Wirtschaftsdemokratie .

Leider ist es Vordenkern, Denkern und anderen Geistesgrößen nicht möglich, die dringend notwendige Umgestaltung der Gesllschaft und auch der Wirtschaft als Projekt der Moderne zu begreifen - und dies in Zeiten, wo doch heute als so schick und modern sein muß. - Das Andenken von Alternativen für eine bessere Welt ist dabei auch eine zu stellende Aufgabe für die Zunft der Philosophen. Die Resonanz hierzu fällt vergleichsweise bescheiden aus, denn der verschulte Apparat der Philosophie ist nicht in der Lage, sich dieser verantwortugnsvollen Aufgabe zu stellen.

Philosophen sind keine Mediziner. Wenn Sie Mediziner wären, hätten Sie eine Präferenz für Vorbeugung. In Deutschland allerdings zeigen sich in der Gesellschaft bereits Anzeichen von Erkrankung. Wer jetzt die Probleme der Gesellschaft verniedlicht, befördert den Ausbruch der Erkrankung - bringt den "Patienten" in eine prekäre Lage, wie man auch an einigen unserer Nachbarländer besichtigen kann.

Literatur:

Ota Šik: Der dritte Weg. Die marxistisch-leninistische Theorie und die moderne Industriegesellschaft. Hamburg 1972, Hoffmann und Campe.

Ota Šik: Humane Wirtschaftsdemokratie. Ein dritter Weg. Hamburg 1979, Knaus-Verlag.

Ota Šik: Ein Wirtschaftssystem der Zukunft, Berlin 1985, Springer.


Weblinks:

Alexander Dubček-Biografie - Biografien-Portal - www.die-biografien.de

Modell einer humanen Wirtschaftsdemokratie - Wikipedia

Blog-Artikel:

»Die Alternative« von Rudolf Bahro

Rudolf Bahro 20. Todestag




Literatur:

Die Alternative
Die Alternative
von Rudolf Bahro

Samstag, 11. Mai 2019

Ludwig Wittgenstein und die Ethik


Ludwig Wittgenstein gilt als Vertreter der praktischen Ethik, denn der Philosoph hat sich auch mit Fragen der Ethik - vor allem in praktischer Hinsicht - beschäftigt.

Für Ludwig Wittgenstein ist Ethik keine Wissenschaft, sondern eine Tätigkeit, die aus dem Menschen selbst heraus sich vollzieht. Wenn er von Ethik sprach, meinte er damit nicht eine Theorie oder Lehre, die sich mit moralischem Handeln befaßte, sondern die Erkundung dessen, was das Leben lebenswert macht. Ethisches Handeln im Sinne eines steten Arbeitens an sich selbst, entspringt für ihn dem menschlichen Trieb, dem eigenen In-der-Welt-sein einen Sinn zu geben.

Sprachliche Orientierung: Statt uns an Wörtern wie "gut", "richtig" oder "wertvoll" zu orientieren, sollten wir lieber das Gute oder Richtige tun. Allerdings gibt es hierzu keine höhere Instanz, die dem Menschen diesbezüglich Orientierung geben könnte. Der Mensch muß aus seinem eigenen Ich, aus seinem ethischen Willen heraus, selbst eine Antwort finden.

Leben ist für Wittgenstein angewandte Ethik.

Persönliche Wertesetzung: Es muß klar sein, daß das Ethische für jedes Ich etwas Absolutes ist, das nicht theoretisch bzw. sprachlich faßbar ist. Es gibt keinen Mittelweg: entweder wir betreiben Wissenschaft oder wir versuchen, ethisch zu handeln. Und zwar, indem wir Verantwortung für unser Tun übernehmen, Mut zu konkreten Entscheidungen beweisen und uns wahrhaftig bemühen, unserem Leben einen Sinn zu geben. Eigene Sinnhaftigkeit ist allerdings nur dann möglich, wenn wir unsere Gedanken und Handlungen in jeder Situation einer ethischen Überprüfung unterziehen, unsere eigene Perspektive hinterfragen und größtmögliche Offenheit für die Sichtweisen anderer bewahren.

Weblink:

Ludwig Wittgenstein - www.famousphilosophers.org

Samstag, 4. Mai 2019

»Logico-Philosophicus« von Ludwig Wittgenstein


Sprach-Skepsis bezeichnet an der Wende zum 20. Jahrhundert den Zweifel an einer objektiv wahrnehmbaren Wirklichkeit und an der Fähigkeit der Sprache diese Wirklichkeit abzubilden.Die theoretische Grundlage geht auf den Wie- ner Kreis, vor allem auf Ludwig Wittgensteins »Tractatus logico-philosophicus« zurück.

Die Besonderheit an Ludwig Wittgenstein war sein radikal neuer Denkstil. Ein unreflektierter Sprachgebrauch und die konventionelle Verwendung von Begriffen innerhalb der Philosophie sind für Wittgenstein die Ursache der Ver wirrung beim Lösen philosophischer Probleme. Die sinnvolle Sprachverwen dung einer normalen Sprache in sinnvollen Kontexten ist sein Lösungsansatz. Wittgenstein lieferte jedoch keine explizit formulierte Theorie und ließ trotz seiner konzisen, klaren Sprache Spielraum für die eigenen Gedanken des Lesers.


»Die Welt ist alles, was der Fall ist« - so beginnt das wohl bekannteste Werk des österreichisch-britischen Philosophen Ludwig Wittgenstein. - Den berühmten »Tractatus Logico-Philosophicus«, das Herzstück seiner Philosophie, schrieb Ludwig Wittgenstein in todessüchtiger Stimmung im Kanonendonner an der Front des Ersten Weltkrieges.

Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung

Mit der »Logisch-philosophischen Abhandlung« (»Tractatus«) vollzog Wittgenstein den linguistic turn (sprachkritische Wende) in der Philosophie. In der Wittgensteinschen Variante bedeutet dies unter anderem: Philosophische Probleme kann nur verstehen oder auflösen, wer begreift, welche Fehlanwendung von Sprache sie erzeugten. Der »Tractatus« war das einzige Buch, das Wittgenstein zu seinen Lebzeiten 1922 veröffentlichte.



»Wovon man nicht sprechen kann,

darüber muss man schweigen.«





Der »Tractatus« ist ein sprachmächtiges Werk und Ausdruck der sprachkritischen Wende in der eher gedankenorientierten Philosophie. In einer strengen Abfolge von nummerierten Sätzen gelang es Wittgenstein, einen poetischen Stil mit einer ernsthaften Behandlung der Logik und Grenzen der menschlichen Erkenntnis zu verbinden.

Mit der Veröffentlichung der »Logisch-philosophischen Abhandlung« glaubte Wittgenstein, seinen Beitrag für die Philosophie geleistet zu haben. Dass Wittgenstein nicht unbedingt an falscher Bescheidenheit litt, wird demnach nicht bloß durch jene bekannte Sentenz aus dem Vorwort des "Tractatus" belegt, in welcher er meint, "die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben."


Literatur:

Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische AbhandlungTractatus logico-philosophicus von Ludwig Wittgenstein


Weblinks:

Ludwig Wittgenstein-Biografie - Biografien-Portal www.die-biografien.de

Ludwig Wittgenstein-Zitate - Zitate-Portal www.die-zitate.de

Ludwig Wittgenstein - www.famousphilosophers.org



Freitag, 26. April 2019

Ludwig Wittgenstein 130. Geburtstag



Ludwig Wittgenstein wurde vor 130 Jahren am 26. April 1889 als Sohn des Großindustriellen Karl Wittgenstein in Wien geboren. Ludwig Wittgenstein war ein berühmter österreichisch-britischer Philosoph, der durch sein Denken und seine Methodik die Philosophie des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflußte.

Wittgenstein gilt als einer der grössten des 20. Jahrhunderts und Erneuerer der Philosophie. Er gilt als Hauptvertreter der analytischen Philosophie und war der Schüler des Mathematikers und Philosophen Bertrand Russell. Er war ein analytischer Philosoph der Sprache und sprachkritischer Philosoph und gilt als Begründer der sprachanalytischen Philosophie.


Wittgenstein war ein Ingenieur, der Klarheit in die Philosophie brachte. Er lieferte einen neuen Denkansatz in der neuzeitlichen Philosophie: Er war der Auffassung, das philosophische Probleme aus der Verwendung von Wörtern aus unpassenden Kontexten entstehen.

Er ist der Schöpfer bahnbrechender Herangehensweisen für die Philosophie der Logik, der Sprache und des Bewusstseins. Der wortgewandte Philosoph definierte Sprache neu und setzte dabei auch gleich die Grenzen hinsichtlich der Begreifbarkeit von Sprache.



»Wovon man nicht sprechen kann,

darüber muss man schweigen.«



Sprachskepsis bezeichnet an der Wende zum 20. Jahrhundert den Zweifel an einer objektiv wahrnehmbaren Wirklichkeit und an der Fähigkeit der Sprache diese Wirklichkeit abzubilden. Die theoretische Grundlage geht auf den Wiener Kreis, vor allem auf Ludwig Wittgensteins »Tractatus logico-philosophicus« zurück.

Die Besonderheit an Ludwig Wittgenstein war sein radikal neuer Denkstil. Ein unreflektierter Sprachgebrauch und die konventionelle Verwendung von Begriffen innerhalb der Philosophie sind für Wittgenstein die Ursache der Ver wirrung beim Lösen philosophischer Probleme. Die sinnvolle Sprachverwen dung einer normalen Sprache in sinnvollen Kontexten ist sein Lösungsansatz. Wittgenstein lieferte jedoch keine explizit formulierte Theorie und ließ trotz seiner konzisen, klaren Sprache Spielraum für die eigenen Gedanken des Lesers.

Ludwig Wittgenstein schrieb zwei Hauptwerke, früh die strenge »Logisch-philosophische Abhandlung«, spät die offeneren, lebendig in immer neuen Anläufen vorgetragenen »Philosophischen Untersuchungen«, mit denen der Begriff des »Sprachspiels« in die Welt gekommen ist.

1922 veröffentlichte Wittgenstein eine zweisprachige Ausgabe seines einzigen zu Lebzeiten erschienen Werkes, welches unter dem heute bekannten Titel der englischen Übersetzung erschien: »Tractatus Logico-Philosophicus«. - Mit der Veröffentlichung der »Logisch-philosophischen Abhandlung« glaubte Wittgenstein, seinen Beitrag für die Philosophie geleistet zu haben, und wandte sich anderen Tätigkeiten zu.

Noch während der Kriegsgefangenschaft als österreichischer Freiwilliger im Ersten Weltkrieg entschied der Soldat und Weltkriegsteilnehmer in Italien sich - vermutlich unter dem Eindruck der Lektüre von Leo Tolstoi - für den Beruf des Lehrers, den er nach dem Ersten Weltkrieg ausübte.

Wittgenstein war überzeugt, ale Probleme des Seins gelöst zu haben. 1929 gab Wittgenstein seinen Job als Volksschullehrer auf und kehrte auf Umwegen nach Cambridge zurück. Während der dreißiger Jahre gab Wittgenstein zahlreiche Kurse und Vorlesungen. Immer wieder versuchte er, seine neuartigen Gedanken, die er unter anderem in Auseinandersetzung mit seinem Erstlingswerk entwickelte, in Buchform zu verfassen.

Ludwig Wittgenstein starb am 29. April 1951 in Cambridge an einêm Krebsleiden. Sein philosophisches Werk hatte großen Einfluss auf die sprachanalytische Philosophie und die Geisteswissenschaften des 20. Jahrhunderts.

Weblinks:

Ludwig Wittgenstein-Biografie - Biografien-Portal www.die-biografien.de

Ludwig Wittgenstein-Zitate - Zitate-Portal www.die-zitate.de

Ludwig Wittgenstein - www.famousphilosophers.org

Literatur:

Ludwig Wittgenstein
Ludwig Wittgenstein
von Joachim Schulte


Blog-Artikel:

Ludwig Wittgenstein

Mittwoch, 24. April 2019

Immanuel Kant: "Der Mensch ist von Natur böse."

Im April 1792 publizierte Kant in der Berlinischen Wochenschrift den Aufsatz »Über das radikal Böse« in der menschlichen Natur, den er dann als Erstes Stück in seine ein Jahr später erscheinenden Schrift über »Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« aufnahm. Das Böse wird darin anthropologisch als Wesen des Menschen und seiner Nautr begründet.

Das Böse bestimmt Kant als Option der menschlichen Freiheit, entgegen den „objektiven Gesetzen der Sittlichkeit“ zu Handeln, die für ihn das Gute bestimmen. Nach Kant ist das Böse radikal, insofern es als Neigung oder „Hang zum Bösen“ in der menschlichen Natur verwurzelt ist, d. h. es hat anthropologischen Rang. Der Hang zum Bösen ist hier der „subjektive[…] Grund[…] der Möglichkeit einer Abweichung der Maximen vom moralischen Gesetze“ (Immanuel Kant: AA VI, 29[1]) und muss selbst als ein „Actus der Freiheit“ (Immanuel Kant: AA VI, 21[2]) verstanden werden, der „dem moralischen Vermögen der Willkür ankleben [muss]“ (Immanuel Kant: AA VI, 31[3]) – sonst ließe sich das Verhalten nämlich gar nicht moralisch bewerten.

"Der Mensch ist von Natur böse."

Immanuel Kant

Der Mensch hat also von Natur einen Hang zum Bösen. Dabei grenzt Kant die Natur des Menschen von seinem allgemeinen Naturbegriff ab (vgl. Immanuel Kant: AA VI, 21[4]). „Die Natur“ meint das Gesamtsystem der Erscheinungen, die durch das Kausalprinzip in Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen verbunden sind. Dieser Natur hatte Kant schon in der Kritik der reinen Vernunft die Möglichkeit transzendentaler Freiheit gegenübergestellt. In der „Natur des Menschen“ oder vielmehr im menschlichen Wesen sind Freiheit und Kausalität miteinander verbunden: Wenn dem konkreten Verhalten ein auf Gründen und Maximen beruhender individueller „Gebrauch“ der transzendentalen Freiheit (Spontaneität) zugrunde liegt, kann es als zurechnungsfähiges Handeln verstanden werden. Mit der Möglichkeit dieses individuellen Gebrauchs enthält die menschliche Natur sowohl die „Anlage zum Guten“ wie den „Hang zum Bösen“.

Diesen Hang zum Bösen bestimmt Kant bereits in der Kritik der praktischen Vernunft (KpV) und in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (GMS). Kant spricht davon, dass der Mensch in seinem Streben nach Glückseligkeit, der Erfüllung aller Bedürfnisse und Neigungen, ein „mächtiges Gegengewicht“ zum kategorischen Imperativ besitzt. Daraus entspringe „eine natürliche Dialektik“, die er als „Hang“ des Menschen bezeichnet, „wider die Gesetze der Pflicht zu vernünfteln, und ihre Gültigkeit […] in Zweifel zu ziehen“ (Immanuel Kant: AA IV, 405[5]: GMS). Diesen Gedanken greift er in der KpV wieder auf. Dort bestimmt er den Hang als „Selbstliebe“ und „Eigendünkel“, als Neigung des Menschen, „sich selbst nach den subjectiven Bestimmungsgründen seiner Willkür zum objectiven Bestimmungsgrunde des Willens überhaupt zu machen“ (Immanuel Kant: AA V, 47[6]: KpV). D. h. die Selbstliebe mit ihrem Streben nach Glück wird durch die freie Vernunftbestimmung zum unbedingten Gesetz des eigenen Handelns, anstatt des moralischen Gesetzes.

Es sind also nicht die individuellen biologischen Bedürfnisse und persönlichen Neigungen selbst, die den Hang zum Bösen ausmachen, sondern die darüber hinausgehende Neigung der Vernunft, diese subjektiven und nicht-allgemeinen Bestimmungsgründe des Willens mit den objektiven zu verwechseln und ihre Erfüllung zur unbedingten Maxime des eigenen Handelns zu machen. Der kategorische Imperativ ist nun gerade das Gebot, aus objektiven Gründen zu handeln: „[…] handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“ (Immanuel Kant: AA IV, 421[7]: GMS). Die praktische Vernunft besitzt in der „Achtung“ für das moralische Gesetz bzw. für dessen Unterscheidung vom Prinzip der Selbstliebe eine „Triebfeder“, um die Willkür zur Entscheidung für die Umsetzung des moralischen Gesetzes zu bewegen. Nur wenn der Mensch dem moralischen Gesetz folge leistet, ist er nach Kant autonom, d. h. er wird seinem Wesen als Mensch gerecht. Lässt sich der Mensch dagegen von seiner Selbstliebe und dem Streben nach Glück leiten, so ist er fremdbestimmt.

„Dieses Böse ist radical, weil es den Grund aller Maximen verdirbt; zugleich auch als natürlicher Hang durch menschliche Kräfte nicht zu vertilgen, weil dieses nur durch gute Maximen geschehen könnte, welches, wenn der oberste subjective Grund aller Maximen als verderbt vorausgesetzt wird, nicht statt finden kann; gleichwohl aber muß er zu überwiegen möglich sein, weil er in dem Menschen als frei handelndem Wesen angetroffen wird.“

– Immanuel Kant: AA VI, 37[8]

Das Böse ist also radikal, weil es ebenso wie die Anlage zum Guten in der Tiefe des menschlichen Freiheitsvermögens wurzelt und damit den „Grund aller Maximen“ verderben kann. Anlage und Hang sind dabei nicht gleichrangig, denn die Anlage zum Guten gehört notwendig zur Möglichkeit des menschlichen Wesens, während der Hang zum Bösen „für die Menschheit zufällig“ (Immanuel Kant: AA VI, 25[9]) ist, d. h. der Hang zum Bösen ist für den Menschen begrifflich nicht wesentlich, obwohl er allgemein zur menschlichen Gattung gehört. Kant unterscheidet nämlich die „Anlage zur Tierheit“, die Menschen als biologischen Lebewesen zukommt, und die „Anlage für die Menschheit“, die die menschliche Natur als vernünftiges Wesen ausmacht, von der individuellen Anlage „für seine Persönlichkeit“. Nur durch letztere ist der Einzelne ein moralischer „Zurechnung fähig[es] Wesen“ (Immanuel Kant: AA VI, 26[10]), also eine Person, die für ihre eigenen Taten individuell verantwortlich gemacht werden kann. Die Anlage für die Persönlichkeit besteht in der „Empfänglichkeit der Achtung für das moralisch Gesetz, als einer für sich hinreichenden Triebfeder der Willkür“ (Immanuel Kant: AA VI, 27[11]).

Ist die Empfänglichkeit für die Achtung nun individuell schwach ausgeprägt, so ist der individuelle Hang zum Bösen, den Kant auch als „Verderbtheit (corruptio) des menschlichen Herzens“ (Immanuel Kant: AA VI, 30[12]) bezeichnet, sehr stark, wodurch die Anlage zur Menschheit, zur Autonomie, pervertiert wird (vgl. Immanuel Kant: AA VI, 30[13]): statt des moralischen Gesetzes bestimmen individuelle Neigungen und Neigungen der Gattung das Handeln. Durch Mängel auf den anderen Stufen der Anlage wird der Hang verstärkt, nämlich durch die „Gebrechlichkeit (fragilitas) der menschlichen Natur“ und „die Unlauterkeit des menschlichen Herzens“ (Immanuel Kant: AA VI, 30[14]), d. h. besondere biologische Bedürftigkeit und mangelnde Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst. Das Böse ist dabei keine eigene „Triebfeder“, sondern die „Verkehrtheit (perversitas) des menschlichen Herzens“ (Immanuel Kant: AA VI, 30[15]): Die Achtung für das moralische Gesetz wird in der Bestimmung des Willens der Selbstliebe untergeordnet und damit die „sittliche Ordnung der Triebfedern“ (Immanuel Kant: AA VI, 36[16]) umgedreht.

Böse Handlungen sind nach Kant individuell verschuldet und müssen trotz des allgemeinen Hangs individuell verantwortet werden. Zurechnungsfähig ist aber für Kant nur das, was durch eigene Tat geschieht. Der Hang zum Bösen selbst kann aber nicht das Resultat einer empirischen Handlung sein, weil er als der subjektive Bestimmungsgrund der Willkür definiert wird und daher a priori zu jeder konkreten (empirischen) Handlung sein muss. Kant löst das Problem, indem er eine „intelligible Tat“ (Immanuel Kant: AA VI, 31[17]) postuliert, in der der Mensch seine oberste Maxime festlegt, von der alle anderen Maximen abhängen. Diese hat einen reinen Vernunftursprung und keinen zeitlichen Ursprung und kann, wenn überhaupt, deshalb bloß durch reine Vernunft und ohne alle Zeitbedingungen erkennbar sein. Unter diesem Gesichtspunkt ist jeder Mensch durch die Wahl seiner Maxime entweder gut oder böse. Bei einer empirischen Beurteilung der Handlungen können diese nicht nach den Extremen bewertet werden, sondern fallen in Grauzonen der Gleichgültigkeit gegenüber dem Gesetz oder der Mischung von Selbstliebe und Achtung (Vgl. Fußnote zu Immanuel Kant: AA VI, 39[18]).

Samstag, 20. April 2019

Menschen und ihre Angst vor der Zerstörung


Zu den menschlichen Ängsten gehört auch die Angst vor der Zerstörung. Durch einen Brand in Teilen zerstört wurde nun die römisch-katholische Kathedrale »Notre-Dame de Paris«. Die weltberühmte Kathedrale Notre-Dame stand stundenlang in Flammen und ist schwer beschädigt.

Kathedrale »Notre-Dame de Paris« ist eine Ikone der mittelalterlichen Baukunst, ein Symbol für die Nation, für die Menschen und ihren Glauben und ein Monument der Identifikation. Nichts verbindet die Franzosen mehr wie die Kathedrale Notre Dame auf der Ile de Seine - das geistig-kulturelle Zentrum von Frankreich, nahe der Universität Sorbonne und dem Quartier Latin. Der gotische Baustil ist eine französische Schöpfung. Die wichtigsten Merkmale sind: Spitzbogen, Rippengewölbe, Strebewerk (Strebepfeiler und Strebebogen am Außenbau zur Entlastung des Gewölbes), Maßwerk, Triforium (Zwischengeschoß zwischen Bogenreihe und Fenstergeschoß). Im Allgemeinen: schmal und hoch, aufsteigend.

Mit dem verheerenden Brand ist auch ein Symbol zerstört worden. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier unter anderem dadurch, dass er bedeutungs- und sinntragende Symbole entwickelt hat, die Menschen über ihren Individualismus oder die Familie hinweg verstehen können. Katastrophen haben, ganz besonders, wenn sie solch gemeinsame Symbole betreffen, eine einigende, positive Wirkung auf den Zusammenhalt.

Je tiefer und verankerter die Symbolik eines Objektes in einem Volk oder bei Menschen ist, desto größter ist die Anteilnahme im Falle einer Zerstörung oder eines auftretenden Schadens. Das dürfte für viele Franzosen ein nicht zu verachtender Effekt der Katastrophe sein, ganz besonders in Zeiten, wo der Blick auf das Gemeinsame mehr und mehr verlorenzugehen droht.


Die römisch-katholische Kirche »Notre-Dame de Paris« (»Unsere Liebe Frau von Paris«) ist die Kathedrale des Erzbistums Paris. Die Unserer Lieben Frau, also der Gottesmutter Maria, geweihte Kirche wurde in den Jahren von 1163 bis 1345 errichtet und ist somit eines der frühesten gotischen Kirchengebäude Frankreichs.

»Fluctuat net mergitur« - das ist der Wahlspruch im Wappen von Paris. Die brennende Kathedrale mag schwanken, aber sie wird nicht untergehen.

Die Architekturgeschichte bedeutender Baudenkmäler lehrt, daß diese niemals architektonisch und baulich vollendet sein werden. Weder der Kölner Dom, noch der Petersdom, noch ein neu aufgebautes Notre Dame werden so gesehen jemals fertig werden. Derartige Bauwerke werden immer "Baustellen der Ewigkeit" sein. Was die Menschen dann auch an die Ewigkeit erinnern sollte ist, wie vergänglich diese Bauten sein können.

Bauwerke sind nicht für die Ewigkeit erschaffen, sondern vom Verfall bedroht.

Die Kathedrale ist ein Monument der Ewigkeit, ihre Zerstörung erinnert jedoch an die Vergänglichkeit der Welt, denn Bauwerke sind nicht für die Ewigkeit erschaffen. Kunst und auch Bauwerke überdauern die Zeit nicht. Der Brand der Kathedrale Notre-Dame macht deutlich, daß von Menschen erschaffene Bauwerke und Gebäude keine Werke für die Ewigkeit, sondern alle Bauwerke von durchaus vergänglicher Natur und Dauer sind. Auch die Vorstellungen von Ewigkeit sind einem steten Wandel unterzogen und haben sich heute durchaus verändert. Solche "Ewigkeitswerte" scheinen heute aber leider in großen Teilen der Bevölkerung zunehmend von anderen, ebenso kurzlebigen wie fragwürdigen "Werten" verdrängt zu werden, so dass sich viele ihrer echten Werte oft gar nicht mehr richtig bewusst sind.

Der Mensch und die Welt, in der er lebt und die er - auch mit seinen Bauwerken erschafft - beide sind vergänglich wie die Zeit. Beide unterliegen dem ewigen Kreislauf des Lebens: Geburt, Heranwachsen, Erwachsenwerden und Tod. Dieser Zyklus schließt auch die Wiedergeburt mit ein. Im Zyklus eines Bauwerkes folgen dem Aufbau die Blüte und der Verfall - und einer Zerstörung folgt der Wideraufbau. Diese Erkenntnis spendet Trost auch in Zeiten der Not oder Katastrophe wie dem Brand von Notre Dame.

Zu den menschlichen Ängsten gehört auch die Angst vor dem Verfall - und von Gebäuden im Besonderen.
Deren Verfall droht, wenn man nicht genügend Anstrengungen unternimmt, Geschichte zu achten und zu bewahren, und sie für kommende Generationen in materiellem Wert und immatiellem Wesen zu erhalten.

Zu Napoleon Bonapartes und Victor Hugos Zeiten am Beginn des 19. Jahrhunderts war die Kathedrale Notre Dame aufgrund von Geldmangel durch Revolutions- und Kriegseinflüße akut vom Verfall bedroht - ein Grund um dem drohenden Vorfall vorzubeugen.



Im Jahr 1831 schrieb Victor Hugo seinen historischen Roman »Der Glöckner von Notre Dame« (»Notre Dame de Paris«), der als sein Meisterwerk gilt. Der historische Roman verdankt seine Entstehung dem drohenden Verfall der Kathdrale Notre Dame. Mit diesem Roman wollte Victor Hugo durch einen patriotischen Akt für den Erhalt von »Notre-Dame de Paris« einstehen. Durch das Erscheinen seines erfolgreichen Romans konnte das Bauwerk damals vor dem Verfall gerettet werden und so wird die Notre Dame auch nach dem verheerenden Brand durch gemeinschaftliche Anstrengung schon bald wiederaufgebaut werden. Diese Anstrengungen sind immer aller Mühen wert. - »Fluctuat net mergitur«.

Marcel Proust hat 1904 - wie Victor Hugo 70 Jahre zuvor - den "Tod der Kathedralen" beklagt. In einem Zeitungsartikel schrieb er: "Ach, es ist immer noch besser, eine Kirche zu verwüsten, als sie ihrem Zweck zu entfremden. Wenn das Opfer von Christi Fleisch und Blut nicht mehr in den Kirchen zelebriert wird, werden sie ohne Leben sein."


Blog-Artikel:

Die Kathedrale Notre Dame von Paris - Kulturwelt-Blog

»Der Glöckner von Notre Dame« von Victor Hugo - Literatenwelt-Blog


Literatur:

Kathedralen
Kathedralen
von Uwe Toman


Die großen Kathedralen. Gotische Baukunst in Europa
von Uwe A. Oster

Samstag, 13. April 2019

Das Gespenst des Populismus geht in Europa um


Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Populismus - so könnte man frei nach Karl Marx im Jahr 2019 formulieren. Das Gespenst bewegt sich immer weiter fort in Europa und in den Ländern, in denen es auftaucht, verbreitet es Angst und Schrecken.

Der Populismus ist der etwas vornehmere Bruder der Demagogie und ein augenzwinkerndes Stiefkind der Politik-von der Politik immer etwas stiefmütterlich behandelt. Populismus und Demagogie - derzeit in vieler Munde - sind Lehnwörter aus den klassischen Sprachen. Das eine leitet sich von dem lateinischen Begriff für Volk, populus, ab, das andere ist ein Gräzismus für das, was Volksführer – oder eben auch Volksverführer tun. Als Prototypen der - demagogischen - Populisten gelten die Brüder Tiberius und Gaius Gracchus, deren Politik am Ende des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts die römische Republik erschütterte.

Das Wort Populismus leitet sich von populus, dem Begriff für Volk, ab. Der populus Romanus war die Gesamtheit der römischen Bürger, die sich in unterschiedlichen Gliederungen zur Volksversammlung auf dem Forum traf. Dort wurden Magistrate gewählt und Gesetze beschlossen. Politische Debatten indes fanden nicht auf dem Forum statt, sondern hinter den verschlossenen Türen des Senates – ganz anders als etwa in Athen, wo die Agora ein Ort hitziger Diskussion war. Dass die römische Führungsschicht, die Nobilität, den populus aus der politischen Entscheidungsfindung heraushalten wollte, hatte seinen guten Grund: Die Politisierung der Volksversammlung würde das Ende des Grundkonsenses bedeuten, der die oligarchische Elite an der Macht hielt.

Als "populistisch" werden vor allem zwei Positionen bezeichnet, die immer zugleich eingenommen werden: Einerseits eine Haltung, die gegen das Establishment und gegen das Elitäre auftritt, und andererseits wird der Anspruch erhoben, daß nur die Populisten allein das wahre Volk repräsentieren würden. Letzteres wird nicht als eine empirische Aussage behauptet, sondern wird als ein moralischer Auftrag vom „Volk“ verstanden.

Populismus ist die Neigung der Politik, bei Unzufriedenheit in Abgrenzung zu den bestehenden Parteien vereinfachende Lösungen anzubieten, welche bei großen Teilen der Bevölkerung allgemeine Akzeptanz finden. Steigt die Anzahl der Wähler populistischer Parteien, dann steigt deren Einfluß und mit ihm der politische Gestaltungsspielraum und somit der Druck auf die etablierten Parteien, sich in ihrer Politik nebst dringend erforderlichen Debatten (!) inhaltlich-programmtisch wieder dem Volk zuzuwenden und Politik für das Volk zu machen, um den Populismus einzudämmen. Das Gespenst des Populismus läßt sich somit auf politischem Wege durchaus zum Verschwinden bringen.

Mehrere Entwicklungen der vergangenen Jahre haben das Phänomen des Populismus befördert: der drohende Zerfall Europas, die mangelnde Integrationsfähigkeit Europas, die mangelnde Solidarität der Länder Europas untereinander (!), die Demokratie-Müdigkeit, die eine neue Form des Populismus hervorgebracht hat und die Frage der Menschenrechte und der Hospitalität, welche Flucht und Migration stellen.

Den Populismus philosophisch zu betrachten und zu verstehen, heißt, diesen als gesellschaftliches Phänomen wahrzunehmen und diesen in eine Phänomenologie einzuordnen, denn mit dem Populismus gehen weitere Phänomene einher wie die Kritik an den Eliten und den Medien, Verschwörungsparanoia, das Misstrauen in staatliche Institutionen, Klientelismus. Die Erklärung des Populismus ist dagegen spektakulär ungespenstisch.

So verstanden zeichnet sich Populismus als Phänomen durch folgende Merkmale aus: Berufung auf den common sense, Anti-Elitarismus, Anti-Intellektualismus, Antipolitik, Institutionenfeindlichkeit sowie Moralisierung, Polarisierung und Personalisierung der Politik. Das Grundaxiom ist die Berufung auf den common sense.

Aus populistischer Sicht ist der "gesunde Menschenverstand" dem Reflexionswissen von Intellektuellen nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen, weil er auf konkreter, lebensweltlicher Erfahrung beruhe, noch nicht vom Virus des modernen Skeptizismus infiziert sei und daher noch einen unverfälschten, "gesunden" Zugang zu Recht und Wahrheit habe.

Literatur:

Was ist Populismus?: Ein Essay
Was ist Populismus?: Ein Essay
von Jan-Werner Müller




Populismus-Essay-suhrkamp/dp/3518075225

Samstag, 6. April 2019

Descartes Denken gilt als »Cartesianische Wende«


René Descartes



Descartes Philosophie und sein Denken gilt als »cartesianische Wende« in der Geistesgeschichte der abendländischen Welt. Descartes hat mit seiner Sichtweise des Denkens den Bezugsrahmen und das Koordinatensystem des bis dahin gültigen Denkens so verändert, da man von einer »Cartesianische Wende« spricht. Das scholastische und das dualistische Weltbild wurden abgelöst durch eine völlig neue Selbstbestimmung des Menschen. Descartes' berühmter Satz „Cogito ergo sum - Ich denke also bin ich" konzentriert dieses neue Denken in einem Punkt. Im Mittelpunkt steht jetzt das

Eine Wende von „kopernikanischer“ Tragweite trat im europäischen Kulturkreis mit der Neuzeit im 17. Jahrhundert ein; sie ist mit dem Namen René Descartes unlösbar verbunden. Es ist die »cartesianische Wende« in der Geistesgeschichte der abendländischen Welt. Das scholastische und das dualistische Weltbild wurden abgelöst durch eine völlig neue Selbstbestimmung des Menschen. Descartes berühmter Satz „Cogito ergo sum – ich denke also bin ich“ konzentriert dieses neue Denken in einem Punkt.

René Descartes

Descartes Denken ist der Ausdruck der Selbstgewissheit des Ich-Bewußtseins.
Im Mittelpunkt steht jetzt das Ich des Menschen, und dieses seiner selbst bewusste Ich ist die Grundlage und Voraussetzung aller Realität. Die Wirklichkeit des Menschen entspringt seinem Ich, seinem Selbstbewusstsein. So unterscheidet Descartes grundlegend zwischen res cogitans und res extensa, zwischen dem denkenden Selbst und allen außerhalb des Ich liegenden Dingen, d.h. allem, was sich in Raum und Zeit ausdehnt. Man könnte von der Entdeckung des Subjektes sprechen, das die Welt der Objekte aus sich heraus setzt oder auch außerhalb seiner selbst vorfindet und sie sich gegenüberstellt. Nicht mehr Materie und Geist, Dunkel und Licht sind die bestimmenden Gegensätze, sondern das absolute Ich, das seiner Welt gegenübertritt.

Schon Leibniz fragte grundsätzlich: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ Descartes antwortet: Indem ich mich selbst denkend erkenne, ist erst etwas, nämlich alles das, was meinem Ich als Objekt gegenüber tritt. Es ist etwas, weil ich denke: Cogito ergo sum ergo est mundus. Indem ich mich denke, gibt es mich und die Welt um mich herum. Die eigene Vernunft wird nun zum alles bestimmenden Werkzeug der Welterklärung und der Welteroberung; sie ist das entscheidende Organ aller Welterkenntnis des Menschen. Zwar ist sie begrenzt, aber innerhalb dieser Grenzen allgemein gültig und zuverlässig.

Descartes hatte mit seinen Überlegungen auch Gott abgeschafft. Und noch während er schrieb „Cogito, ergo sum" stellte er auf einmal fest, daß er soeben über die gedankliche Autonomiebezeugung des Menschen Gott abgeschafft habe, was man heute als »Cartesianische Wende« bezeichnet. Er war so irritiert darüber, daß er sofort entschied, diese Gedanken nur unter einem Pseudonym zu veröffentlichen.

Descartes ist zu verdanken, daß der Zweifel zu einer Methode der Erkenntnis geworden ist. Mit den Mitteln radiklen Skepsis gab René Descartes der Philosophie ein neues Fundament und wurde zum Vater der neuzeitlichen Philosophie.

Dort wo der Zweifel Einzug hält, ist die Gewißheit einer Aussage nur so lange haltbar, solange sie nicht wiederlegt worden ist. Erkenntnistheoretisch hat er den Skeptizismus begründet.

So ist auch Cartesius ganzes Werk ist der Ausdruck radikalen Zweifelns und der zugrundeliegenden Methodik.

Das cartesianische Denken stellt in der Geschichte der Philosophie die größte Neuerung des Denkens vor Kant (1724 - 1804) und eine Wende philosophischer Betrachtung und in den Grundlagen des Denkens in der Philosophie dar, welcher im Nachhall der Skepsis bis heute spürbar ist.


Weblinks:

René Descartes-Biografie - Biografien-Portal.- www.die-biografien.de

René Descartes-Zitate - Zitate-Portal - www.die-zitate.de

Literatur:

Rene Descartes
Rene Descartes
von Dominik Perler

Descartes zur Einführung
Descartes zur Einführung
von Peter Prechtl




Samstag, 30. März 2019

René Descartes 425. Geburtstag


René Descartes

René Descartes wurde vor 425 Jahren am 31. März 1596 in La Haye in der Touraine geboren. Er entstammte einer aristokratischen altfranzösischen Familie in der Touraine. Descartes war ein bedeutender französischer Philosoph der Aufklärung und Begründer der neuzeitlichen Philosophie.

Descartes markiert die Wende der Philosophie des Mittelalters zur Philosophie der Neuzeit. Mit ihm begann das Denken der Neuzeit. Mit den Mitteln radiklen Skepsis gab René Descartes der Philosophie ein neues Fundament und wurde zum Vater der neuzeitlichen Philosophie. Die cartesianische Philosophie umfasst sowohl erkenntnistheoretische Aspekte als auch empirische und naturwissenschaftliche Forschungen von Descartes.


Nur für kurze Zeit nahm er am üblichen gesellschaftlichen Treiben seiner Gesellschaftsschicht in Paris teil, dann zog er sich für zwei Jahre zurück, um sich ganz dem Studium der Mathematik hinzugeben. Anschließend ging er als Soldat in den Dreißigjährigen Krieg, weil er die Welt und Menschen in ihrer Abgründigkeit studieren wollte.

Der Militärzeit folgten jahrelange Reisen durch ganz Europa, dann wieder Phasen der Zurückgezogenheit und der wissenschaftlichen Arbeit. Königin Christine, die Descartes Werke studiert hatte, berief in daraufhin nach Schweden. Dort verstarb er nach kurzem Aufenthalt, weil er das ungewohnte Klima nicht vertrug.

Rene Descartes
Rene Descartes

Descartes lebenslanges Thema war die Überwindung der scholastisch geprägten aristotelischen Philosophie. Der Franzose forderte als Ausgangspunkt und Methode philosophischen Denkens die Gültigkeit eine Aussage in Zweifel zu ziehen, so lange diese nicht zureichend begründet sei. Und so war der Zweifel bei Descartes der Philosophie Anfang.

René Descartes gilt als der Vater des modernen Denkens, denn er hat den Menschen aus seinem tiefen Dämmer herausgeholt und ihn zum erkennenden Objekt gemacht, wobei er stellte den Menschen in den Mittelpunkt der Erkenntnis. Sein berühmter Satz "Cogito, ergo sum" ("Ich denke, also bin ich") steht für das Selbstbewusstsein des neuzeitlichen Individuums.

Das Diktum des Cartesius »Ich denke, also bin ich« machte das menschliche Bewußtsein zum Ausgangspunkt wahrer Welterkenntnis. Das vernünftig denkende Objekt wird zum Maßstab allen Wissens.

Weblinks:

René Descartes-Biografie - Biografien-Portal.- www.die-biografien.de

René Descartes-Zitate - Zitate-Portal - www.die-zitate.de


Blog-Artikel:

Descartes Denken gilt als »Cartesianische Wende« - Philosophenwelt-Blog


Literatur:

Rene Descartes
Rene Descartes
von Dominik Perler

Descartes zur Einführung
Descartes zur Einführung
von Peter Prechtl

Samstag, 16. März 2019

Die neuen Massen auf der Straße

Gelbwesten demonstrieren zum zehnten Mal

Die jüngsten gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, der „neue Populismus“ und die neuen „Massenbewegungen“ der "Gelbwesten" (den "Gillet Jaunes") in Frankreich und "Fridays for Future"-Jugend-Bewegung in Europa haben die Massen wieder ins kollektive Gedächtnis gebracht.

Das Problem der Massen kannte man bereits, kaum hatte man mit der Bildung des Staates begonnen - also bereits in der Frühantike. Allerdings war das Problem damals vollkommen unter Kontrolle. Bis in das Hohe Mittelalter sind die Massen absolut bewusstlos gewesen, also leicht zu lenken. Erst im Mittelalter ergab der hohe Bauernstand in der europäischen Kultur, verbunden mit der ersten nennenswerten Bildung unter den Massen, die in diesem Fall durch Kirche und noch mehr Kloster erfolgte, zu ersten Aufständen gegen die Macht und Obrigkeit.



Goebbels Rede im Sportpalast am 18.02.1943

Wichtige Aspekte der Masse sind Regierbarkeit, Lenkbarkeit, Verführbarkeit und potentielle bzw. latente Gewaltbereitschaft. Der wesentliche Punkt ist jedoch die Mobilisierbarkeit der Massen für politische Ziele - ein Aspekt, den jede Bewegung, gewiefte Aktivist, Populist, Propagandist oder anderer Träger auf seine Weise zu nutzen weiß, wenn er von den anderen Aspekten fest überzeugt ist - und der aktuell nun auch wieder deutlich zum Tragen kommt.

Ein wichtiges Instrument zur Beeinflussung hierzu sind Propaganda-Reden, basierend auf dem Prinzip "Zustimmung per direkter Akklamation". Verführerische Redner vor Massenpublikum aufretend - dabei die hohe rhetorische Kunst der Manipulation vorführend - werden hier zu geschickten Manipulatoren der Masse, denn die gerade Verführbarkeit birgt ein ungemeines Poential:

Von der Gloriole eines propagandistischen Erwachens mit zartem Licht beschienen, zeigt sich der Himmel in all seinen leichten Farben und im Licht des erwachenden Morgens lässt sich mit verführten Massen politisch buchstäblich alles anstellen , bei Verführung und Erwachen ist der Unterschied zwischen Heil und Unheil ist oft nur ein schmaler Grat - Ein erwachtes Volk ist zugleich auch ein verführtes Volk.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Massen ein beherrschendes Thema der Politik und Gesellschaft Europas. Im Zeitalter des Individualismus scheinen sie ihre Anziehungskraft und Gefährlichkeit verloren zu haben. Ein Irrtum. Von neuem bewegen Massen große Teile der Gesellschaft. Sie entstehen mit Hilfe moderner Medien in der Popkultur, in Sport und Konsum, in Protestbewegungen und Revolten, in neuen politischen Formationen und in Flüchtlingsströmen.

Im Unterschied zu den Massen der Vergangenheit bieten sie den Individuen die Möglichkeit, sich eine imaginäre Größe, ihren Äußerungen und Schicksalen eine Öffentlichkeit zu geben. Heute sind die Massen praktisch nicht mehr zu regieren und eben das ist der Unterscheid zwischen den Massen von früher und von heute.

Die Kulturgeschichte der Massen ist eine Geschichte der Emanzipation der Massen und reicht an das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Elitäre Denker und Philosophen haben ihre Skepsis vor der Demokratisierung und dem zunehmenden Einfluß der Massen bekundet und vor einer Demokratisierung der Gesellschaft vor dem Hintergrund sich dabei ändernder Herrschaftsstrukturen und -formen gewarnt. Zu den klaren Analytikern der Massen und ihrer Macht gesellten sich Soziologen, Schriftsteller und Vertreter anderer Berufsgruppen.


Als erster beschäftigte sich der französische Arzt Gustave Le Bon 1895 unter dem Eindruck des Zeitalters beginnend mit der Französischen Revolution bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Phänomen der Massen. Damals wurden die Massen noch als Pöbel und Plebs - vor dem es sich zu fürchten galt und als gefährlich für die Gesellschaft empfunden. Er verfasste das Grundlagenwerk der Sozialpsychologie »Psychologie der Massen«. Wer die Psychologie der Massen versteht, kann diese zu seinen Zwecken beeinflussen. Gustave Le Bon beeinflusste nicht nur Sigmund Freud, sondern wurde auch von Politikern und Diktatoren des 20. Jahrhunderts für die Ausarbeitung ihrer Propaganda-Techniken benutzt. Le Bons Wirkung auf die Nachwelt, wissenschaftlich auf Sigmund Freud und Max Weber, politisch insbesondere auf den Nationalsozialismus und seine Protagonisten, war groß.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges entdeckte Politker in Europa die Massen und versuchten sie, für ihre politischen Ziele zu vereinnahmen. Ihr politischer Erfolg hing von der Verführbarkeit der Massen ab. Politiker, welche die Massen hinter sich gebracht haben, sind durch die Ansprache der Massen zu Diktatoren geworden - unter deren Regime die Techniken widerum verfeinert wurden.

Elias Canetti soziologisches Hauptwerk »Masse und Macht« erschien im Jahr 1960. Ein Buch, das anthropologische, psychologische, politische und historische (die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit) Aspekte des Phänomens „Masse“ zu integrieren beabsichtigt, führt wohl beinahe zwangsläufig zur Verwirrung des Lesers.

Seit 1925 befasste Canetti sich mit dem Phänomen der Masse, die ihn ängstigte und faszinierte. Ein Schlüsselerlebnis war der Brand des Wiener Justizpalastes am 15. Juli 1927 für ihn, in dessen Folge blutige Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Studenten ge­schahen.

Die Forscher Gunter Gebauer und Sven Rücker lösen in ihrem neu erschienenen Buch den Begriff der Masse aus dem Korsett der alten Ideologien und rehabilitieren ihn damit als Erklärungsmodell für sehr aktuelle Phänomene gesellschaftlichen Wandels.

Literatur:


Psychologie der Massen
von Gustave Le Bon

Masse und Macht
Masse und Macht
von Elias Canetti

Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen
Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen
von Gunter Gebauer, Sven Rücker