Samstag, 23. Dezember 2017

»Das intensive Leben: Eine moderne Obsession« von Tristan Garcia

Das intensive Leben: Eine moderne Obsession
Das intensive Leben: Eine moderne Obsession

Tristan Garcia ist der neue Stern am literarischen und philosophischen Himmel in Frankreich. Gerade 36 Jahre alt, hat er schon eine Reihe von preisgekrönten literarischen und philosophischen Werken vorgelegt, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Mit seinem Werk »Das intensive Leben« liegt nun erstmal auch ein philosophisches Buch von Garcia auf Deutsch vor. Ein Buch, das ebenso durch seine literarische Qualität und Gegenwärtigkeit wie durch seine tiefgreifende philosophische Analyse der Intensität und des intensiven Menschen überzeugt.

Im 18. Jahrhundert fasziniert ein neues Fluidum die Welt: die Elektrizität. Mit ihr wird die Intensität zu einem neuen Ideal für den Menschen und zu einem Begriff der Philosophie. Von der Macht Nietzsches bis zum Vitalismus Deleuze', von der nervösen Erregung der Libertins bis zum Adrenalinkick der Begierde, der Leistung und der Extremsportarten: Die Intensität organisiert seither unsere Welt. Sie ist der höchste Wert des modernen Lebens, wie der junge französische Philosoph Tristan Garcia in seinem mitreißenden Essay zeigt.

Das intesnive Leben ist eine Daseinsform der Moderne. Die ständige Suche nach Intensität ist allerdings auch anstrengend: Süchtig jagen wir neuen Höhepunkten und Extremen nach, immer unter Strom. Kein Wunder also, dass in unseren »Hochspannungsgesellschaften« das Unbehagen wächst. Die intensive Landwirtschaft zerstört die Natur, das Selbst ist erschöpft, Apathie, Mittelmäßigkeit und Depression signalisieren das Ende des großen Wachstums- und Intensitätsrauschs.


Wie können wir dennoch das Gefühl bewahren, am Leben zu sein? Jenseits von Lebenshilfe und Glücksratgebern, die Weisheit und Seelenheil in einer Rückkehr zu Buddhismus oder Religion versprechen, und mit der E-Gitarre im Gepäck ruft Garcia zum Widerstand auf. Seine Forderung: Wir brauchen eine Ethik der Intensität.

Das intensive Leben: Eine moderne Obsession
Das intensive Leben: Eine moderne Obsession


Intensität ist einfach nur eine andere Sicht auf das - weitgehend von den Vertretern der Wirtschaft - bestimmte Leben. Es bedeutet ein beschleunigtes Leben. In seinem Buch »Das intensive Leben: Eine moderne Obsession« erläutert der französische Philosoph Tristan Garcia, warum wir dazu neigen, der Intensität nachzujagen, aber dieses ist womöglich ein falsches Ideal, welchem die Menschen gerade in der Weihnachtszeit vergeblich hinterherjagen .

Das ist nicht der große Wurf der Moderne! - Ein intensives Leben muss noch lange kein gutes Leben sein, dafür fehlt dem Individuum das Glück. Es geht meist zu Lasten des Glücks und der Gesundheit und hat nicht selten einen allzu frühen Tod zur Folge. »Das Problem ist deutlich. Glücklicherweise hat Tristan Garcia auch die Lösung parat, und zwar in Gestalt einer Ethik, die Denken und Leben geschickt miteinander verbindet.« 1



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Literatur:

Das intensive Leben: Eine moderne Obsession
Das intensive Leben: Eine moderne Obsession
von Tristan Garcia



Erläuterung:

1 Clemens Pornschlegel, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 16.04.2017

Donnerstag, 14. Dezember 2017

»Der Künstler und seine Zeit« von Albert Camus

Albert Camus

Am 14. Dezember 1957 hielt Albert Camus an der Universität Uppsala den Vortrag »Der Künstler und seine Zeit«, worin er die Künstler zu einer angemessenen Distanz zu der Welt aufforderte. Diese solle nicht zu groß und nicht zu klein sein, weder sollten sie der Welt den Rücken kehren, noch in ihr versinken. Vielmehr sollten sie diese verstehen, von ihr erzählen und gegen ihre Negativität ankämpfen, statt selbige zu vergrößern.

Camus mahnte die gesellschaftliche Verantwortung des Künstlers an. Der Künstler solle seiner Verantwortung gerecht werden, sich engagieren und seine Bekanntheit in der Gesellschaft nutzen. Er solle sich zum Sprachrohr für die Gesellschaft und besonders deren Benachteiligten und mit ihren Anliegen gemein machen.

Die Aufgabe, die der Philosoph hier der Kunst zuschrieb, blieb seiner von Armut geprägten Jugend treu. Es sei die Pflicht des Künstlers, »nach bestem Können für die zu sprechen, die es nicht vermögen«, weil sie von einem Staat, einer Regierung, einer poltiischen Macht unterdrückt und am Sprechen gehindert würden. 

Samstag, 9. Dezember 2017

»Die Alternative« von Rudolf Bahro


Im Jahr 1977 veröffentlichte der deutsche Philosoph, Politiker und Sozialökologe Rudolf Bahro sein sozialismuskritisches Buch »Die Alternative«. Darin äußerte er Kritik am real existierenden Sozialismus aus kommunistischer Sicht und zugleich eine Vision für die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft.

Für Systemdenker sind bestehende gesellschaftiche Systeme niemals alternativlos. Allein ihre wesentlichen Mängel bedingen bereits das Denken und Herausarbeiten einer Alternative. Rudolf Bahro hat mit seinem fundierten Werk die Diskussion um die vorhandenen Modellen Sozialismus und Kapitalismus um eine weitere Alternative ergänzt.

Die Alternative
Die Alternative

Das 543-seitige Werk ist in drei Teile gegliedert:
  • Das Phänomen des nicht-kapitalistischen Weges zur Industriegesellschaft
  • Anatomie des real existierenden Sozialismus
  • Zur Strategie einer kommunistischen Alternative

Bestechend die Fähigkeit des Autors, aus dem real existierenden Sozialismus heraus eine Alternative auf marxistischer Basis zu denken. So ist das Werk eine Weiterentwicklung der Lehre von Karl Marx unter den Bedingungen des realen Sozialismus.

Der Wissenschaftler aus Ost-Berlin zeigte in seinen für ein wissenschaftliches Buch und theoretisches Werk äußerst verständlich geschriebenen Untersuchung auf, wie das System entstand, das sich als "real existierende Sozialismus" definiert, welchen Anspruch es erhebt und wie es in der Realität funktioniert. Erfassung der gesellschaftlichen Totalität.

Der Maßstab, den Rudolf Bahro zugrunde legt, sind die theoretischen Aussagen von Karl Marx. Aus ihnen folgert er, daß der Zweck der Gesellschaft keinesweges die Mittel heiligt, die der Menschenwürde entgegenstehen. Er sieht vielmehr eine breite Diskussion der Mittel und der Ziele als unabdingbare Voraussetzung dafür an, die von ihm angestrebte freie Assoziation zu verwirklichen, in der die Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.


Die Herrschaft der Politbürokratie ist der Hemmschuh für die Entwicklung der nicht-kapitalistischen Staaten zum Sozialismus. Bahro entwickelt die Strategie einer kommunistischen Alternative. Es ist eine emanzipatorische Bewegung nötig, um den Sozialismus zu verwirklichen.

"Wenn es so weit gekommnen ist, daß die zentralen Partei- und Staatsinstanzen sich selbst Residenzen, Luxuslimousinen, Ferienschlösser und Spezialkliniken genehmigen, dann hilft nur noch die Entmachtung des ganzen Klüngels, der die entsprechenden Positionen besetzt hält." Seite 459

Kulturrevolution als notwendige Voraussetzung für die Beseitigung der Gegensätze. Entfremdnung der Individuen. Freie Assoziation nach Karl Marx als Weg. Bahro beschreibt die Ökonomie des Kommunismus. Einführung einer Zeitökonomie. Marx vom Kopf auf die Füsse stellen. Die Gesellschaft hat sich an den Bedürfnissen der Menschen zu orientieren.

Der Autor zeigt anhand von Textstellen u.a. von Marx und Engels auf, dass der sog. "real existierende Sozialismus" kein Sozialismus nach Marx ist bzw. war, weshalb er von "nicht-kapitalistischen Staaten" spricht. Grundprobleme wie die Herrschaft des Menschen über den Menschen oder die Atomisierung der Masse waren auch in diesen Staaten systemimmanent.

Er kommt dabei in seinem gesellschaftlichen Befund zu dem Ergebnis, die Apparatherrschaft habe "alle alten sozialistischen Hoffnungen zum Gespött der Massen gemacht." Mit seinem sozialismuskritischen Buch »Die Alternative« nahm der Marxist und Gesellschaftstheoretiker im Grunde genommen bereits den Untergang des Sozialismus 12 Jahre später vorweg.

Bahro hatte - präziser wie Marx - die Geschichte ganz einfach vorausgedacht.


Blog-Artikel:

Rudolf Bahro 20. Todestag

Literatur:

Die Alternative
Die Alternative
von Rudolf Bahro

Dienstag, 5. Dezember 2017

Rudolf Bahro 20. Todestag

Rudolf Bahro

Rudolf Bahro starb am vor 20 Jahren am 5. Dezember 1997 in Berlin. Rudolf Bahro war ein deutscher Philosoph, Politiker und Sozialökologe. Der Vordenker des Marxismus gehörte zu den profiliertesten Dissidenten der DDR und wurde durch sein sozialismuskritisches Buch »Die Alternative« (1977) bekannt.

Rudolf Bahro war ein geschulter dialektischer Marxist und Meisterdenker im real existierenden Sozialismus. Wenig haben die Machthaber im real-existierenden Sozialismus mehr gefürchtet als Marxisten und Kommunisten mit Visionen. Bahro war einer davon, seine Kritik am System war hart und fundiert. Die Zeit hat ihn allerdings weitgehend überholt.

Er kritisierte den »real existierenden Sozialismus«, aber er war kein Gegner der sozialistischen Idee. Vielmehr plädierte er für systemimmanente Veränderungen, mit dem Ziel der Verwirklichung einer freiheitlichen Gesellschaft.


Von 1972 bis 1976 arbeitete er am Manuskript zu seinem Buch »Die Alternative«. Inhalt des Werkes ist eine umfassende Kritik am politischen und wirtschaftlichen System der DDR aus marxistisch- kommunistischer Sicht. Bahro erwies sich als kein Freund der Alternativlosigkeit im Sozialismus, denn auch diseer ist sich wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen unterworfen.

1977 veröffentlichte der Gesellschaftstheoretiker sein sozialismuskritisches Buch »Die Alternative«. Darin äußerte er Kritik am real existierenden Sozialismus aus kommunistischer Sicht und eine Vision für die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft. Bestechend seine Fähigkeit, aus dem real existierenden Sozialismus heraus eine Alternative als Weiterntwicklung des Sozialismus zu denken. Der Marxist und Gesellschaftstheoretiker nahm im Grunde genommen bereits den Untergang des Sozialismus 12 Jahre später vorweg.

»Die Alternative« erschien in Köln als Buch und wurde später in zahlreiche Sprachen übersetzt. Bahro entwickelt insbesondere die Idee des Dritten Weges weiter. Sein Werk wird im November 1978 auf dem "Internationalen Kongress für und über Rudolf Bahro" in Berlin von linken Theoretikern aus West- und Osteuropa ausführlich besprochen.


Der Autor zeigt anhand von Textstellen u.a. von Marx und Engels auf, dass der sog. "real existierende Sozialismus" kein Sozialismus nach Marx ist bzw. war, weshalb er von "nicht-kapitalistischen Staaten" spricht. Grundprobleme wie die Herrschaft des Menschen über den Menschen oder die Atomisierung der Masse waren auch in diesen Staaten systemimmanent.


Ein Marxist, der Gesellschaft hinausdenken kann, ist gefährlich. Nach Veröffentlichung eines Auszuges aus seinem Buch »Die Alternative« im SPIEGEL am 23. Augsut 1977 erfolgte die Verhaftung durch die Stasi der DDR wegen Verdachts nachrichtendienstlicher Tätigkeit. Im Juni 1978 wurde er wegen des vorgeschobenen Grundes und Geheimnisverrat zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt.

In der DDR entstanden Bahro-Lesekreise und es kam in den beiden folgenden Jahren zu Solidaritätsaktionen von Schriftstellern, Politikern und Künstlern für den inhaftierten Bahro.

Im Oktober 1979 wurde Bahro zum 30. Jahrestag der Gründung der DDR amnestiert und konnte mit seiner Familie in die Bundesrepublik ausreisen.

Rudolf Bahro wurde am 18. November 1935 in Bad Flinsberg, Kreis Löwenberg in Schlesien geboren.

Literatur:

Die Alternative
Die Alternative
von Rudolf Bahro


Samstag, 2. Dezember 2017

»Gott in der Philosophie der Antike« von Anthony Kenny

Anthony Kenny

Das Volk der Griechen hat sich in der Antike einen ganzen Götterhimmel erschaffen. Für jeden praktischen Zweck des Lebens gab es auch einen Gott - wie praktisch, dieser Polytheismus! - Wie sah nun der erschaffene Götterhimmel in der Antike aus?

»Gott in der Philosophie der Antike« von Anthony Kenny ist eine Philosophiegeschichte, die sich damit beschäftigt, wie sich die antiken Denker vom menschenähnlichen Götterhimmel verabschiedeten.

Der britische Philosophiehistoriker Anthony Kenny erhellt den griechischen Götterhimmel und erklärt, wie der polytheistische Götterhimmel in der Vorstellung der antiken Denker vom Monotheismus abgelöst wurde.

Xenophanes war der erste Philosoph, der den Polytheismus der griechischen Religion hart attackiert hat. Xenophanes importierte den längst kursierenden wesentlichen Gedanken der jüdischen Propheten in die Philosophie: Es gibt nur einen Gott und der ist anders als die Sterblichen.

Platon und Aristoteles haben diesen Faden weitergesponnen und darüber nachgedacht, was dieser eine Gott mit dem Ursprung der Welt zu tun hatte. Die Gottesfrage ist seit dem nie wieder aus der Philosophie verschwunden.

Den antiken Denkern verdanken wir einen zweiten Zugang zu Gott. Man muss nicht nur einfach an sich glauben, weil es eine Offenbarung gegeben hat, sondern Gott kann auch gedacht werden - als Ergebnis von rationaler Argumentation.

Anthony Kenny hat sich getraut, eine Geschichte der abendländischen Philosophie in vier dicken Bänden zu schreiben. »Gott in der Philosophie der Antike« ist nur ein kleiner Ausschnitt daraus.

Anthony Kenny ist in seinem vierbändigen Werk etwas gelungen, wonach man im deutschen Sprachraum vergeblich sucht: eine ohne Vorkenntnisse verständliche, ja sogar unterhaltsam geschriebene Philosophiegeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Der renommierte britische Philosoph erzählt die abenteuerliche Geschichte der Philosophie explizit aufbereitet für einen breiten Leserkreis.

Literatur:

Gott in der Philosophie der Antike
Gott in der Philosophie der Antike
von Anthony Kenny