Donnerstag, 18. Dezember 2003

Johann Gottfried Herder 200. Todestag

Johann Gottfried von Herder

Johann Gottfried Herder starb am 18. Dezember 1803 in seinem selbst gewählten "Exil" in Weimar. Herder war ein universaler Geist - ein »Homo universalis«: er war deutscher Dichter, Übersetzer, Theologe und Philosoph der »Weimarer Klassik«.

Bekannt wurde Herder als bedeutender Dichter und Philosoph der Aufklärung und einer der grossen Anreger der deutschen Geistesgeschichte. Er gilt als einer der großen Schöpfergestalten deutscher Sprache und deutschen Geistes.

Auf Einladung der Herzogin Anna Amalia zog Herder im Jahr 1776 nach Weimar, das zur Zeit Goethes den Mittelpunkt des deutschen Geisteslebens darstellte. Dort konnte er auch Freundschaft mit Schiller und Wieland schließen und wurde in diesem Kreise zum Mitbegründer der »Weimarer Klassik«.

Zusammen mit Goethe, Schiller, Wieland, Fichte und den Brüdern Humboldt wurde Weimar das geistige Zentrum Deutschlands und durch diesen erlauchten Personenkreis gelangte die Stadt an der Ilm zu großer kultureller Blüte.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte der große Aufklärer Herder allerdings isoliert vom gesellschaftlichen Leben Weimars. 1802 wurde er geadelt und verstarb 1803 im Stande des Adels, den er im Geistigen schon vorher erreicht hatte.

Weblinks:

Johann Gottfried Herder-Biografie - Biografien-Portalwww.die-biografien.de

Johann Gottfried Herder-Zitate - Zitate-Portal - www.die-zitate.de

JOHANN GOTTFRIED HERDER-Tour - Kulturreise-Portal - kulturreise-ideen.de

Freitag, 14. November 2003

»Der erste Mensch« von Albert Camus

Der erste Mensch

»Der erste Mensch« von Albert Camus

Kurz vor seinem Tod sprach Albert Camus gegenüber Freunden von einem Roman mit dem Titel »Der erste Mensch«, den er bereits früher in seinen Aufzeichnungen erwähnt hatte. Das Manuskript wurde in der Mappe gefunden, die Albert Camus mit sich führte, als am 4. Januar 1960 Michel Gallimards Wagen bei geschätzten hundertfünfzig Stundenkilometern aus nie geklärten Gründen von der schnurgeraden Straße abkam und gegen einen Baum prallte.

An seinem Anfang steht Albert Camus' eigene Geburt. Ein junges Paar ist aus Frankreich gekommen. Von Algier reist es in das kleine Dorf, in dessen Nähe der Mann die Verwaltung eines Hofes übernehmen soll. Der arabische Kutscher peitscht die Pferde durch die regnerische Novembernacht. Die Frau ist hochschwanger. Gleich nach der Ankunft, noch bevor der Arzt eintrifft, kommt das Kind zur Welt. Albert Camus nennt sich Jacques Cormery. Die biographischen Eckdaten und existentiellen Stationen seiner literarischen Figur entsprechen bis in Details der Vita des am 7. November 1913 geborenen Dichters, der hier seine algerische Kindheit erzählt. Von ihr war nur wenig bekannt und Cormery übrigens der Name seines Großvaters mütterlicherseits.

Der Sprung ins zweite Kapitel geht über vierzig Jahre und zurück nach Frankreich. Zunächst emotionslos steht Cormery vor einer Gedenkstätte für Kriegsopfer, deren Namensliste auch seinen Erzeuger aufführt. Was ihn "betraf, so konnte er sich keine Pietät aus den Fingern saugen" - Stil und Stimmung dieser Szene erinnern an seinen Roman "Der Fremde". Nur auf Drängen der Mutter hatte er das Grab seines Vaters, der 1914 im deutschen Kugelhagel an der Marne gefallen war, aufgesucht. Nichts wußte er von ihm, nicht einmal sein Geburtsjahr kannte er - als er mechanisch nachrechnet, stellt Jacques Cormery fest, daß er bereits neun Jahre älter ist, als der Vater (1885-1914) bei seinem Tod war: "Und die Welle von Zärtlichkeit und Mitleid, die auf einmal sein Herz überflutete, war nicht die Gemütsregung, die den Sohn bei der Erinnerung an den verstorbenen Vater überkommt, sondern das verstörte Mitgefühl, das ein erwachsener Mann für das ungerecht hingemordete Kind empfindet - etwas entsprach hier nicht der natürlichen Ordnung, und eigentlich herrschte hier, wo der Sohn älter war als der Vater, nicht Ordnung, sondern nur Irrsinn und Chaos."

Camus zeichnet ein romanhaftes, aber sichtlich um Authentizität bemühtes Porträt seines Vaters. Freunde und Gefährten, die ihn überlebten, geben dem Sohn Auskunft, der auf ergreifende Weise bestrebt ist, eine moralische, philosophische Genealogie zu seinem Vater zu konstruieren, der 1905 - als Zwanzigjähriger - mit der französischen Armee einen Aufstand in Marokko bekämpfte.

Levesque, ein Freund des Vaters, erzählt Cormery davon. In der Nacht hatten die beiden Soldaten einen verstümmelten Kameraden gefunden. Cormery regt sich schrecklich auf, Levesque versucht, ihn zu beschwichtigen: örtliche Sitten, lokale Tradition - es ist Krieg. "Vielleicht, aber sie haben unrecht. Ein Mensch macht so etwas nicht", habe Cormery erwidert: "Ein Mensch, der hält sich im Zaum. Genau das ist ein Mensch, oder sonst..." Und dann hatte er sich beruhigt. "Ich", hatte er gedämpft gesagt, "ich bin arm, ich komme aus dem Waisenhaus, man steckt mich in diese Kluft, man zerrt mich in den Krieg, aber ich halte mich im Zaum." - Und die Franzosen, die sich nicht im Zaum halten, sie "sind auch keine Menschen".

In diesen Szenen, die dem Humanismus der Analphabeten ein Denkmal setzen, steckt der Schlüssel zu Albert Camus' politischer Philosophie, die über alle Toleranz und Differenzen hinweg moralische Maßstäbe setzt. Sie wirkt in unserer Zeit nötiger denn je, erklärt aber auch, warum der Dichter die einseitige Algerienverklärung und den Antikolonialismus-Mythos seiner Generation nicht teilte.

Inzwischen hat ihm die Geschichte recht gegeben und alle jene widerlegt, die zumindest bis zur Unabhängigkeit 1962 von einem autonomen, sozialistischen Algerien schwärmten, auf das sie ihre ideologischen Heilsvorstellungen projizierten. Mit dem Aufkommen des Integrismus wird das Fiasko des progressiven Intellektuellen nur noch deutlicher - und seine Mitverantwortung für den "zweiten Algerien-Krieg" nicht geringer. Er hat in den vergangenen Jahren vierzigtausend Opfer gefordert, von der Öffentlichkeit hierzulande weitgehend ignoriert.

Wie gut Camus die Lage in der französischen Kolonie kannte und einzuschätzen wußte, beweist "Der erste Mensch" schon im ersten Kapitel. Hier entwirft er mit den auftretenden Personen (dem Franzosen, seinem arabischen Kutscher, einer Spanierin) ein genaues "ethnisches" Porträt der algerischen Gesellschaft jener Jahre. Der Familienroman dieser Figuren resümiert exakt - und mit wenig Aufwand - die Einwanderungsgeschichte des Landes. Der ganze kolonialistische Hintergrund mit seinen kulturellen, religiösen, sozialen Aspekten wie Konflikten wird in knappster, aber politisch und historisch äußerst differenzierter Form dargestellt - das ist große literarische Kunst. Der Mutter, der "Witwe Camus" ist "Der erste Mensch" gewidmet: "Dir, die Du dieses Buch nie wirst lesen können" (sie war Analphabetin). Jacques Cormery bezahlt den Aufstieg aus dem Elend seiner Herkunft mit einer sozialen und kulturellen Schizophrenie, unter der Albert Camus sein ganzes Leben zu leiden hatte, auf die aber auch seine Immunität gegenüber Ideologien zurückgeführt werden kann.

Nach seinem Tod hielten es seine Frau und alle Freunde für besser, auf eine Publikation des Romanfragments zu verzichten. Drei Jahrzehnte später hat sich die Tochter des Dichters, Cathérine Camus, die als Anwältin arbeitet, nach intensiver Beschäftigung mit dem Manuskript für eine Veröffentlichung entschieden. Im Frühjahr 1994 erschien "Le premier Homme" in Paris und löste eine unglaubliche Euphorie aus. In der ersten Woche wurden über fünfzigtausend Exemplare abgesetzt, monatelang führte das Buch die Bestsellerlisten an. "Die zweihundertfünfzig Seiten des "Premier Homme' und die fünfzig Seiten Anmerkungen sind absolut wesentlich und unverzichtbar", schwärmte "L'Evénement du Jeudi": "Wir werden eines Tages wohl wissen, warum sie so lange verborgen blieben. Der Grund wird zwangsläufig ein unbedeutender sein angesichts des Schadens, der angerichtet wurde: Alle Camus-Ausgaben sind unvollständig, alle Biographien müssen ergänzt und korrigiert werden, die ihm gewidmeten Studien - sie sind unzählbar - erweisen sich als lückenhaft bis falsch. Diese dreihundert Seiten beginnen mit seiner Geburt und führen bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr; es sind zudem die letzten, die er geschrieben hat - im Laufe des letzten Jahres seines Lebens. Camus' Alpha und Omega, der Ausgangspunkt und die Vollendung."

Gewiß - nur: Der Grund ist bekannt und der Schaden anderer Art. In literarischer Hinsicht erweist sich das "Fragment" zunächst einmal als sehr viel strukturierter und geschlossener, als man je erwartet hätte. Es ist hervorragend ediert, sehr diskret mit den für das Verständnis nötigen Anmerkungen (zum Beispiel bei wechselnden Namen für gleiche Personen) versehen worden und bietet zusätzlich Einblick in Camus' Schreiben: in die Art, wie er mit seinen Figuren umging und Szenen entwickelte. 


Cathérine Camus, die als Erbin über die Autorenrechte verfügt, hat mit ihrer Arbeit, noch mehr aber mit ihrer ziemlich beispiellosen Zurückhaltung dem Vater einen immensen Dienst erwiesen. Für Albert Camus erscheint der Roman mit seinem humanistischen Testament zum bestmöglichen Zeitpunkt: In einer Epoche, die ihn politisch rehabilitiert hat, feiert sein Verfasser als Dichter ein überwältigendes postumes Comeback.

Doch um die Welt - zumindest um Algerien, um Frankreich und um die Intellektuellen beider Länder - wäre es vielleicht etwas weniger schlecht bestellt, wenn "Der erste Mensch" schon etwas früher seine Leser gefunden hätte.

Weblink:

Der erste Mensch
Der erste Mensch von Albert Camus

Freitag, 7. November 2003

»Der Mensch in der Revolte« von Albert Camus

»Der Mensch in der Revolte« ist das zweite philosophische Hauptwerk von Albert Camus. Das zweite philosophische Hauptwerk von Albert Camus überträgt das Prinzip von der individuellen in die politische Sphäre. Sowohl die Hauptfiguren, als auch die Struktur des Widerspruchs folgen hierbei dem bekannten Schema:
Was für den Einzelnen die Sehnsucht nach Einheit war, ist für den Menschen in der Revolte das Gefühl der menschlichen Solidarität. Der Zustand der Welt, der als unvernünftig bezeichnet wurde, wird dementsprechend jetzt als ungerecht konkretisiert. Und das was durch den Zusammenstoß dieser beiden Figuren entsteht, ist nicht mehr das Absurde sondern die Revolte. Doch obwohl dieses Grundprinzip das selbe ist, liegen die Dinge hier doch ein wenig komplizierter:

Durch den Eindruck einer in Hinblick auf Ungerechtigkeit und Unfreiheit besonders zugespitzten Situation werde das im Menschen liegende Gefühl der menschlichen Solidarität geweckt: Er werde zum Menschen in der Revolte. Er verneint die bestehende Welt zugunsten eines in ihm liegenden Prinzips. Doch dieses Prinzip der Solidarität ist, wie Camus ausführt, widersprüchlich: Einerseits stellt es die Forderung nach Freiheit und Gerechtigkeit auf, andererseits erlegt es dem Kampf für diese Forderung strenge Beschränkungen auf.

Denn das reine Gefühl der menschlichen Solidarität ist nicht dazu in der Lage, zwischen Mitteln und Zweck zu differenzieren. Lüge, Mord und andere unmoralische Mittel können nur dann angewandt werden – und selbst dann bedeutet das noch nicht, dass sie gerechtfertigt sind – wenn sie dem unmittelbaren Gefühl der Solidarität entsprechen, also wenn sie unmittelbar einem guten Zweck dienen. Jedes planmäßige politische Handeln stößt schnell an seine Grenzen.

Wie für den Menschen, der sich dem Absurden gegenüber sieht, so ergibt sich also nach Albert Camus auch für den Menschen in der Revolte ein Widerspruch, der ihn zu einer Entscheidung drängt. Doch diesmal droht bei einer falschen Entscheidung nicht bloß die Resignation des eigenen Geistes, sondern die Unterdrückung und Ausbeutung der Menschheit. Wiederum ist die Vernunft nicht dazu in der Lage den Widerspruch, von dem das Gefühl der menschlichen Solidarität geprägt ist, zu erfassen und muss daher eine der beiden Seiten absolut setzen, um die nicht vorhandene Einheit herzustellen.

Weblinks:

Albert Camus – Marxismus und Moral - www.bruchlinien.at Der Mensch in der Revolte
Der Mensch in
der Revolte
Albert Camus

Mittwoch, 5. November 2003

Camus versus Sartre

Camus versus Sartre

Camus stand an der Seite der einfachen Menschen seiner Herkunft und beharrte darauf, Gewalt nicht mit Gewalt zu vergelten und Freiheit auch als Verpflichtung zu begreifen.

Sein Leben und seine Bücher erzählen von der Sehnsucht nach den großen, elementaren Erlebnissen, vom Glück der Beschränkung auf das Essentielle, vom Zauber der Einfachheit. 

Die Protagonisten des Existentialismus, vor allem Jean-Paul Sartre und Albert Camus, gehören zu den bekanntesten Philosophen-Literaten des 20. Jahrhunderts. In Hinsicht auf Sartres Freiheitsbegriff kann der Existentialismus als ein Gipfelpunkt der Moderne gelesen werden.

Die Feindschaft zwischen den beiden Exponenten des Existenzialismus hatte unübersehbar einen klassenkämpferischen Hintergrund: Der dem Elend entwachsene Camus strebte nach Bürgerlichkeit im besten Sinne des Begriffs durch kritische Aneignung der Kultur der Aufklärung, während der dem privilegierten linken Bildungsbürgertum entstammende Sartre und mehr noch dessen Partnerin Simone de Beauvoir vom Virus des Selbsthasses, des Kulturrelativismus und des sozialistischen Nihilismus angesteckt waren.

Sartre kritisierte den Nihilismus der Nazis im Namen des nicht weniger nihilistischen internationalen Sozialismus. Camus kritisierte den Nihilismus mit dem Verweis auf die Zehn Gebote und das Naturrecht. Weblink:

Albert Camus und die Liebe zur Wahrheit - EF-Magazin

Freitag, 10. Oktober 2003

»Minima Moralia« von Theodor W. Adorno

»Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben« ist eine im amerikanischen Exil verfasste philosophische Schrift Theodor W. Adornos. Das Aufklärungswerk der Moderne ist ein sprachästhetisch gewaltiges Werk zur Kulturkritik. Es ist Zeitdiagnose und Kulturkritik zugleich.

Die »Minima Moralia« sind aus der Erschütterung über den Terror im faschistischen Deutschland geschrieben worden. Sie gehen auf Notizen zurück, die der Autor in den Jahren seines Exils in England seit 1934 und den USA seit 1938 niedergeschrieben hat.

Die Schrift enthält 153 Aphorismen und kurze Essays über die Bedingungen des Menschseins - der Conditio humana - unter kapitalistischen und faschistischen Verhältnissen. Neben der »Dialektik der Aufklärung« und der »Negativen Dialektik« zählt die Schrift zu den philosophischen Hauptwerken Adornos. In seinem Gesamtwerk nimmt die Schrift insofern eine Sonderstellung ein, da die kurzen, durchnummerierten Texte untereinander keinen erkennbaren theoretischen Zusammenhang aufweisen, sondern lose aneinander gefügt sind.

Adorno behauptet, dass ein gutes und richtiges Leben unter den Bedingungen einer unmenschlich gewordenen Gesellschaft, die den Menschen zu einem „reduzierten und degradierten Wesen“ machte, nicht mehr möglich sei. In der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, die zu einer Welt des kalten Kommerzes geworden sei und die die Menschen zu Anhängseln einer verselbständigten Maschinerie erniedrige, könne es „kein davon unberührtes Residuum des Wahren und Authentischen“ mehr geben.

In den »Minima Moralia« beantwortet Adorno die Frage, was das „richtige Leben“ ausmache, durchgehend in negativer Weise, als bestimmte Negation: „Er setzt bei dem an, 'was nicht sein soll', bzw. am Leben in seiner 'verkehrten' oder 'entfremdeten Gestalt'.“

Fünfzig Jahre nach ihrer Publikation im Jahre 1951 ist die aphoristische Sammlung im Hinblick auf die Popularität und den von Beginn an überraschend großen Erfolg mit insgesamt über 100.000 verkauften Exemplaren als letztes deutsches "Volksbuch der Philosophie" und "Hausbuch der kritischen Intelligenz" bezeichnet worden.

Adorno setzt mit den »Minima Morala« viele Grundlagen der modernen Kulturkritik, an der am Konsum- bzw. Kapital orientieren Unterhaltungsindustrie, die er zu analysieren und kritisieren nicht müde wird. Mag seine Aphorismen-Edition auch vor 50 Jahren geschrieben worden sein, in den Grundzügen hat sie Maßstäbe gesetzt und ist für viele Kultursoziologen und -philosphen eine Referenzgröße.

Donnerstag, 11. September 2003

Theodor W. Adorno vor 100 Jahren geboren

Theodor W. AdornoTheodor W. Adorno vor 100 Jahren geboren


Theodor W. Adorno - eigentlich Theodor Ludwig Wiesengrund - wurde vor 100 Jahren am 11. September 1903 in Frankfurt am Main geboren. Adorno war ein deutscher Philosoph, Soziologe, Musiktheoretiker und Komponist. Er stand in dem Ruf, ein vermeintlich pessimistischer Sozialphilosoph und resignativer Intellektuelle zu sein.

Theodor W. Adorno war einer der prominentesten Vertreter der „Frankfurter Schule“, deren Kritische Theorie entscheidenden Einfluss auf das kulturelle Bewusstsein der Bundesrepublik hatte. Mit Max Horkheimer zählt Adorno zu den Hauptvertretern der als „Frankfurter Schule“ oder Kritische Theorie bekannten Denkrichtung. Seine Kritische Theorie verfolgte einen aufklärerischen Anspruch. Der Soziologe prägte den philosophischen Diskurs der Nachkreigszeit.

Der in behüteten großbürgerlichen Verhältnissen in Frankfurt aufgewachsene Adorno war bereits früh der Musik und der Philosophie zugetan. Nach dem Studium der Philosophie widmete er sich der Kompositionslehre im Rahmen der Zweiten Wiener Schule um Arnold Schönberg.

Nachdem er während der Zeit des Nationalsozialismus in die USA emigriert war, wurde er nach seiner Rückkehr einer der Direktoren des wiedereröffneten Frankfurter Instituts für Sozialforschung.

Wie nur wenige Vertreter der akademischen Elite hat er als „öffentlicher Intellektueller“ mit seinen Reden, Rundfunkvorträgen und Publikationen auf das kulturelle und intellektuelle Leben Nachkriegsdeutschlands eingewirkt und zur demokratischen Umerziehung des deutschen Volkes beigetragen – trotz seiner anspruchsvollen Diktion.

Adornos Arbeit als Philosoph und Soziologe steht in der Tradition von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx und Sigmund Freud, welche intellektuelle Einflüsse auf den Philosophen und Soziologen ausübten.
Wegen der Resonanz, die seine schonungslose Kritik an der spätkapitalistischen Gesellschaft unter den Studenten fand, galt er als einer der theoretischen Väter der deutschen Studentenbewegung.

Theodor W. Adorno starb am 6. August 1969 in Visp, Schweiz. Das Grab von Theodor W. Adorno befindet sich auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.

Montag, 24. Februar 2003

Albert Camus – Revolution als Irrweg

Albert Camus bezeichnet die Revolution als Irrweg für den Menschen, der sich dem Absurden gegenüber sieht. Camus widmet den Großteil seines Buches »Der Mensch in der Revolte« dem Thema Revolution. Wie für den Menschen, der sich dem Absurden gegenüber sieht, so ergibt sich also nach Albert Camus auch für den Menschen in der Revolte ein Widerspruch, der ihn zu einer Entscheidung drängt.

In der Revolution löse die Vernunft den Widerspruch, in dem sie das Verlangen nach Freiheit und Gerechtigkeit absolut setzt und die Grenze negiert. Von diesem Absoluten ausgehend beginne sie dann damit, eine Theorie zu formulieren, die diese Absolutsetzung rechtfertigt. Der Versuch, diese Rechtfertigung wissenschaftlich zu gestalten, muss für Camus jedoch scheitern, da es dazu notwendig wäre, sich in seiner Argumentation auf das menschliche Wesen zu berufen.

Gerade dieses wäre aber der Beweis für die Unmöglichkeit des Absoluten und kann daher nicht als Stütze dienen, sondern muss ganz im Gegenteil geleugnet werden. Und so benötigte schließlich jede Theorie, die das Absolute fordert als letzte Legitimation eine Art religiöse Instanz. Für die Jakobiner hätte diese in der Vernunft und der daraus abgeleiteten Tugend bestanden, wodurch sie den von ihnen abgeschafften Gott wieder eingeführt hätten.

Der Marxismus, wie Camus ihn versteht, jedoch besiegelt den historischen Nihilismus, in dem er auch die Tugend abschafft. Mit Hegel führt er die Geschichte, die unausweichlich auf die Revolution zusteuert, als alleinige Richterin ein. Ob Vernunft oder menschliches Wesen: Alles ist der Geschichte unterworfen und kann daher keinen Anhaltspunkt für richtiges Handeln bieten. Der einzige feste Punkt, der einem Halt bieten kann, ist das Ende der Geschichte und alles was ihr dient, ist demnach gerechtfertigt. Und so existiert auch der Marxismus – trotz wissenschaftlicher Ansätze – von Beginn an nur als Prophezeiung. Der Marxismus macht also aus dem Verlangen der Revolte nach Freiheit und Gerechtigkeit ein Absolutes, dem er den restlichen Teil der menschlichen Natur unterwerfen muss. Doch dadurch, dass das Ziel eben dem menschlichen Wesen widerspricht, zieht sich der Kampf in die Länge und die Menschen müssen sich entweder der Disziplin des Kampfes unterwerfen, oder werden zu Gegnern, die es zu töten gilt. Und die Länge dieses Kampfes kann sogar noch beliebig hinausgedehnt werden, da es ja mit der Revolution, sogar mit der Weltrevolution, noch nicht getan ist. Das Reich der Freiheit kann erst einkehren, wenn sämtliche Ungerechtigkeit, mitsamt den nach ihr verlangenden Personen, ausgerottet ist. Im Verlauf des Kampfes werden somit die einstmals Revoltierenden entweder vernichtet, oder in ein Heer von Sklaven verwandelt – untertäniger, als der Kapitalismus sie je hätte schaffen können. Abschließend sei zum besseren Verständnis noch ein Rückgriff auf die griechische Mythologie angeführt, in dem Camus, so wie er den absurden Menschen anhand der Figur des Sisyphos verbildlichte, das Schicksal des Revolutionärs mittels einer abgewandelten Form der Prometheus-Sage veranschaulicht: „Er [Prometheus] schreit seinen Hass auf die Götter und seine Liebe zu den Menschen heraus, wendet sich verachtungsvoll von Zeus ab und kommt zu den Sterblichen, um sie zum Ansturm gegen den Himmel zu führen. Doch die Menschen sind schwach oder feig; man muss sie organisieren. Sie lieben das unmittelbare Vergnügen und Glück; man muss sie lehren, um zu wachsen, den Honig der Tage zu verschmähen. So wird auch Prometheus zum Lehrer, der zuerst lehrt, darauf befiehlt. Der Kampf dauert noch länger an und wird aufreibend. Die Menschen zweifeln zuerst am Sonnenstaat und seinem Bestehen. Man muss sie vor sich selbst retten. Der Held sagt ihnen darauf, er kenne den Staat, er allein. Die daran zweifeln, werden in die Wüste getrieben, an einen Felsen genagelt, den grausamen Vögeln zum Fraß vorgeworfen. Die anderen gehen fortan im Dunkeln, hinter dem einsamen, gedankenverlorenen Meister. Prometheus, der Einsame, ist Gott geworden und herrscht über die Einsamkeit der Menschen. Aber von Zeus hat er nur die Einsamkeit und die Grausamkeit angenommen, er ist nicht mehr Prometheus, er ist Cäsar. Der wahre, ewige Prometheus hat nun die Gestalt eines seiner Opfer.” Für Camus ist also keiner der beiden bereits existierenden Wege gangbar. Er wählt stattdessen den Weg der Revolte: Während Resignation und Revolution den Impuls der Revolte vernichten, indem sie ihn durch eine Idee ersetzen, ist sich der Mensch in der Revolte bewusst, dass die Revolte von ihrem Wesen her nicht maßlos ist, sondern eine Grenze in sich trägt. Um diese Grenze zu erhalten und somit der Revolte treu zu bleiben, darf sie nicht in eine absolute Idee umgewandelt werden, sondern als ursprünglicher Impuls erhalten bleiben. Der Mord ist für den Menschen in der Revolte notwendig und unentschuldbar, darf also keineswegs die Folge rationaler Berechnung sein. Die Wünsche nach absoluter Freiheit und absoluter Gerechtigkeit müssen sich gegenseitig begrenzen, da beides zugleich unmöglich ist.

Weblinks:

Albert Camus – Marxismus und Moral - www.bruchlinien.at Der Mensch in der Revolte
Der Mensch in
der Revolte
Albert Camus