Samstag, 17. Oktober 2026

Nietzsches Denken - Einfluß und Wirkung (E)

Friedrich Nietzsche

Nietzsches Denken ist Selbstauslotung der Vernunft, ohne sie in eine Systematik und eine Methodik zu zwängen. Die Abgründe, auch die des eigenen Selbst, werden erkundet, möglichst bis zur Schachttiefe des Brunnens.

Dichter und Philosoph Einfluß und Wirkung Abenteuer Denken

Sein Gedankenfluss war kein Kontinuum, sondern ein

Kein geschlossenes oder logisches System

Nietzsche bleibt inspirierend und wichtig als Kritik und Impuls. Er verstand sich selbst als Experimentalphilosoph, und das ist eine bleibende Leistung, Neuland zu betreten, zu analysieren und vor allem, keine Scheu zu haben vor neuen Vorschlägen.

Aber es ist äußerst schwer, Nietzsche unmittelbar zur Orientierung zu nehmen, dafür ist seine Konzeption einer neuen Kultur und neuen Religion mit einem neuen Gott noch viel zu abhängig von dem, was er selbst überwinden will. Er verharrt innerhalb der Dialektik „Gott – Nicht Gott“ auf der Stufe der bloßen Negation. Wichtiger wäre eine neue Position, eine neue Synthese, sozusagen als das Dritte jenseits von klassischem Theismus und Atheismus. Vielleicht wäre dies die Mystik.


Einflüsse

Bei ihm ist eine empiristisch sensualistische Denklinie ausgebildet, auch eine religionskritische Tendenz. Er sucht nach dem hellen Licht der Philosophie des Vormittags, nachdem er tief in den Gedächtniskellern der Menschheit gegraben hatte: Der Hahnenschrei der ‚Libres penseurs‘ [,Freidenker‘] rettet ihn aus der philologischen Vertiefung in die griechische Philosophie und Kultur. Dies ist aber nicht alles. Nietzsche hat eingestandenermaßen Verbindungen zur französischen Moralistik, etwa zu Montaigne, denen er seine Klarheit mit verdankt.

Der Aufklärungsgedanke gewinnt bei Nietzsche aber gleichsam einen doppelten Boden. Dies ist prägnant durch die Formulierung charakterisiert, man müsse auch den eigenen guten Gefühlen und
schönen Bildern misstrauen oder sich von der Emanzipation emanzipieren. Viele der atheistischen Freigeister der ersten Stunde seien wie Kettenhunde. Das naiv lineare Wort vom ‚Projekt der Aufklärung‘ (Habermas) hätte Nietzsche mit einiger Gewissheit als degoutant missbilligt. Wahrheit
und Wahrhaftigkeit waren für ihn immer auch Geschmacksfragen. Ihm zufolge verstößt es gegen den guten Geschmack, das Gewesene einfach abtun zu wollen, ohne auf die Signale seiner Wiederkehr zu
achten.

Nietzsche ist daher keineswegs für ein linearisiertes Projekt der Aufklärung zu vereinnahmen,
sondern für eine Aufklärung, die sich über sich selbst aufklärt. Nicht in einer Metaperspektive, sondern nur indem sie sich selbst über die Schulter schaut, die blinden Flecke in der Selbstwahrnehmung aufbricht.

Deshalb widerspricht sich Nietzsche dezidiert immer wieder. Man wird bei ihm das Pro- und Contra finden. Er scheint hier ganz in der Reihe der Sophistik zu stehen. Doch dieses Widersprechen resultiert
nicht aus Unbewusstheit, auch nicht aus Dialektik, die wie noch Hegel die Synthese im Widerspruch suchen würde. Er denkt Aufklärung und Kritik 2/2014 93 gegen sich selbst an, ohne eine höherstufige
Begriffsform, wie die Dialektik, und sei es eine negative Dialektik im Sinne Adornos, zu finden, in der der Ausgleich der Positionen möglich ist. Die Leuchtkraft der starken Gegenbegriffe: etwa
Gesundheit und Krankheit, kontrastiert Nietzsche jäh miteinander. Er lässt sie in Konfrontation, gleichsam ‚Pros allelas‘ Kontur gewinnen.

Wenn man, wofür vieles spricht, Nietzsche gerade nicht aus dem Repertoire der Aufklärung nehmen möchte, muss man den Aufklärungsbegriff um diese Dimension erweitern. Dies heißt auch, dass eine
szientifisch fixierte Philosophie, die das Weltbild der jeweiligen Leitwissenschaften unbefragt akzeptiert, nicht ausreichend ist.

Zur Selbstaufklärung des Lebens und der Wissenschaften über sich gehört die Musikalität.
Nietzsche hat Gedanken, die schneller sind, von solchen, die langsamer sind, unterschieden. Auch das Denken hat ein eigenes Melos und einen eigenen Rhythmus.15 Eine umfassendere Vernunft, die etwas wagt, die zuletzt Lebenskunst und Selbstübung wird (Sloterdijk), die daraus aber nicht vage, sondern in mehreren Horizonten genau zu werden versucht, schwebt Nietzsche vor. Dies ist die Genauigkeit, wie sie Bild, Metapher und sprachlichem Kunstwerk abzulesen ist. Dies ist nach Nietzsche unerlässlich, wenn man auch den eigenen Gedanken und Hintergedanken auf die Schliche zu
kommen versucht.

www.f-nietzsche.de/Seubert_Nietzsches-Rationalitaet.pdf

https://philosophiestudium.blogspot.com/2011/07/friedrich-nietzsche.html


Nachdenkseiten
Feynsinn

Der moderne Mensch als der letzte Mensch

Der moderne Mensch meint, er könne alles sein. Könne sich nehmen, was er will: Frauen, Macht, die Freiheit, nur an sich selbst zu denken. Probiert Leben an wie Kleider.

Donnerstag, 15. Oktober 2026

Michel Foucault 100. Geburtstag

Michel Foucault

Michel Foucault wurde vor 100 Jahren am 15. Oktober 1926 in Poitiers als Sohn einer angesehenen Arztfamilie geboren. Foucault war ein französischer Philosoph des Poststrukturalismus, Psychologe, Historiker, Soziologe und Begründer der Diskursanalyse. Michel Foucault war Philosoph und Historiker, politischer Aktivist und Professor am »Collège de France«.

Foucault beschäftigte sich hauptsächlich mit der Analyse von Systemen sozialer Codes, auf denen Gesellschaften seiner Meinung zufolge basieren. Demnach definieren festgelegte Ausschlussprinzipien, beispielsweise die Unterscheidung zwischen Wahnsinn und Normalität, die Formen des sozialen Zusammenlebens.


Mit seinen desillusionierenden Gesellschaftsanalysen wurde Michel Foucault zu einem der bedeutendsten und umstrittensten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Foucault war ein scharfsinniger und rebellischer Intellektueller, der sich sowohl im akademischen als auch im öffentlichen Raum einmischte; ein Mann seiner Zeit, der ein zeitloses Werk schuf und Maßstäbe setzte.

Michel Foucault gilt als einer der wichtigsten Vertreter des französischen Strukturalismus. Seine Arbeiten, in denen er das Entstehen und die Mechanismen von Macht untersucht, und Schulen, Kasernen und Krankenhäuser mit Gefängnissen vergleicht, sorgten stets für Kontroversen. Zu seinen wichtigsten Werken zählen unter anderem „Wahnsinn und Gesellschaft“, „Die Ordnung der Dinge“, „Archäologie des Wissens“, „Überwachen und Strafen“ sowie seine großangelegte, dreiteilige Geschichte der Sexualität.

Die Hauptwerke (Quarto)
Die Hauptwerke (Quarto)


Nach seiner Schulzeit in Poitiers studierte er Philosophie und Psychologie in Paris. 1952 begann seine berufliche Laufbahn als Assistent für Psychologie an der geisteswissenschaftlichen Fakultät in Lille. 1955 war er als Lektor an der Universität Uppsala (Schweden) tätig.

Nach Direktorenstellen an Instituten in Warschau und Hamburg (1958/1959) kehrte er 1960 nach Frankreich zurück, wo er bis 1966 als Professor für Psychologie und Philosophie an der Universität Clermont-Ferrand arbeitete. In diesem Zeitraum erschien 1961 seine Dissertationsschrift »Folie et déraison. Histoire de la folie à l'âge classique« (dt.: »Wahnsinn und Gesellschaft«).


Mit seinen desillusionierenden Gesellschaftsanalysen wurde Michel Foucault zu einem der bedeutendsten und umstrittensten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Er thematisierte darin die Geschichte des Wahnsinns und das Zustandekommen einer Abgrenzung von geistiger Gesundheit und Krankheit und die damit einhergehenden sozialen Mechanismen.

1965 und 1966 war er Mitglied der Fouchet-Kommission, die von der Regierung für die Reform des (Hoch-)Schulwesens eingesetzt wurde. 1966 wurde »Les mots et les choses – Une archéologie des sciences humaines« (dt.: »Die Ordnung der Dinge«) veröffentlicht, worin er mit seiner diskursanalytischen Methode die Wissenschaftsgeschichte von der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert untersuchte.

Nach einem Auslandsaufenthalt als Gastprofessor in Tunis (1965-1968) war er an der Reform-Universität von Vincennes tätig (1968-1970). 1970 wurde er als Professor für Geschichte der Denksysteme an das renommierte »Collège de France» berufen. Gleichzeitig machte er durch sein vielfältiges politisches Engagement auf sich aufmerksam. In diesem Kontext entstand die Studie »Überwachen und Strafen« (»Surveiller et punir«).



Zu seinen wichtigsten Werken zählen "Wahnsinn und Gesellschaft" (1961) und "Die Ordnung der Dinge" (1966) sowie "Überwachen und Strafen" aus dem Jahr 1975.

Von 1975 bis 1982 unternahm er Reisen nach Berkeley und Japan sowie in den Iran und nach Polen. Foucault starb am 25. Juni 1984 an den Folgen einer HIV-Infektion.

Auch 30 Jahre nach seinem Tod bleibt Michel Foucault einer der einflussreichsten Intellektuellen weltweit. Bis heute spielen die von Foucault mitgeprägten Begriffe von der "Macht" und dem "Diskurs" eine gewichtige Rolle und werden heftig diskutiert.

Weblinks:

Michel Foucault - www.famousphilosophers.org

Foucault Links - www.theory.org.uk - Umfangreiche Linksammlung zum Werk des (Englisch)

Foucault Links - www.foucault.info - Umfangreiche Linksammlung zu Foucault (Englisch)

Literatur:

Die Hauptwerke (Quarto)
Die Hauptwerke (Quarto)
von Michel Foucault

»Wahnsinn und Gesellschaft« von Michel Foucault
Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft
von Michel Foucault

Samstag, 10. Oktober 2026

Macht Denken unglücklich?

Der Denker Skulptur

Denken ist keine beliebte oder anerkannte Kategorie. Denken macht oft unglücklich. Das klingt zwar absurd, ist aber in den Neurowissenschaften erwiesen. Das Gehirn hört niemals auf zu arbeiten, es rattert und rattert und findet keine Ruhe. Dieses Grübeln ist eng verbunden mit dem Gefühl des Unglücklichseins.

Was können wir dagegen tun? Wir können unser Gehirn durch Unterbrechung dieses Teufelskreises zur Ruhe bringen. Wir schauen uns einen Baum, eine Blume, eine Landschaft oder einen Gegenstand genau an. Diese Technik der Achtsamkeit beginnt auch dort, wo wir bewusst Musik hören oder ein Buch lesen. Viel Medienkonsum und die Präsenz von Internet und Bildern aus dem Fernsehen überfordern unser Gehirn und machen uns unglücklich.

Man ist meistens nur durch Nachdenken unglücklich.

Joseph Joubert, französischer Moralist


Aus Sicht der Hirnforschung hängt das Erleben von Glücksgefühlen sehr eng mit Motivation und Belohnung zusammen. Es gibt im Gehirn ein spezielles Zentrum, das "Belohnungs- und Motivationssystem", welches dafür sorgt, dass wir in bestimmten Situationen Glück empfinden. Wenn wir etwas Schönes erleben oder eine Aufgabe bewältigt haben, signalisiert uns dieses Zentrum: "Gut gemacht!" und es wird das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet. Im Ergebnis fühlen wir uns stolz und glücklich und, besonders wichtig: Wir sind motiviert zu neuen Anstrengungen, um diesen Moment des Glücks wiederholen zu können.

Denn ohne viel Anstrengungen lässt sich das Glückssystem auch durch Alkohol oder Drogen stimulieren. Das heißt eine Sucht gaukelt uns Glück vor, sie bedient sich der gleichen Mechanismen wie das Glückssystem in unserem Gehirn. Um das Glückssystem anzukurbeln, müssen wir uns nicht mehr anstrengen, es reicht eine Flasche Wein, eine Zigarette oder ein Joint. Das ist das Gefährliche an der Sucht.

Manche Menschen fallen nach einem Hochgefühl des Glücks in ein Loch, was sich jedoch vermeiden lässt. Das Glückssystem ist auch dazu da, um uns zu motivieren. Wenn wir zufrieden mit einem Erlebnis sind, und das Gefühl des Glücks durchströmt uns, dann wollen wir das wiederhaben. Das spornt uns an zu neuen Leistungen oder neuer Kreativität. Die Entwicklung der Zivilisation ist nur durch dieses biologisch wichtige System vorangetrieben worden. Das Loch nach einem Hochgefühl des Glücks gibt es eigentlich nicht, weil das Gehirn diesen Glückszustand wiederholen möchte.

Samstag, 26. September 2026

Nietzsche als Freigeist

Friedrich Nietzsche



Nietzsche ist inspirierend und wichtig als Kritik und Impuls. Er verstand sich selbst als Experimentalphilosoph, und das ist eine bleibende Leistung, Neuland zu betreten, zu analysieren und vor allem, keine Scheu zu haben vor neuen Vorschlägen.

Nietzsches Denken und Leben kann als lebendiges Exempel eines freien Geistes gelesen und verstanden werden. Sein Werk ist eine wahre Fundgrube der Freigeisterei.

Der freie Geist ist bei Nietzsche ein anthrologisches Ideal. Nietzsche verfolgt das Konzept des freien Geistes in seinem Werk. Frage nach dem Konzept des freien Geistes in Nietzsches Werk.

Nietzsche: »... der aus dem Blickwinkel eines befreiten Geistes heraus die Welt und die Menschen betrachtet und dabei durchaus nicht rechthaberisch ist, sondern seine Freigeistigkeit auch als Verlust von Integration und Gewissheit empfindet. Für Nietzsche ist trotz dieser Unannehmlichkeit die Freigeistigkeit nicht nur nicht amoralisch, sondern selbst moralisches Gebot.

Im tieferen Sinne ist aber der Freigeist bei Nietzsche jemand, der sein Denken von verzerrenden Einflüssen befreit hat. Auch die Ehe schade dem Freigeist (Menschliches, Allzumenschliches). Der Freigeist, der auf der Suche nach der einen, der einzigen Wahrheit ist, also der tieferen Wahrheit, wird sich dieser Wahrheitsverfälschungen gewahr und versucht, sein Denken davon freizumachen.

Der Freigeist ist, wie Nietzsche sagt, eine Sorte Mensch, die nur von ihresgleichen erkannt werden kann und von den Zeitgenossen missverstanden oder sogar verachtet wird. Die gewöhnliche Welt würde einen solchen Freigeist als „Weisen“ bezeichnen, aber nicht als gewöhnlichen Weisen, weil die gewöhnliche Weisheit mit Erfahrung gleichgesetzt wird.«


»Man nennt den einen Freigeist, welcher anders denkt, als man von ihm auf Grund seiner Herkunft, Umgebung, seines Standes und Amtes oder auf Grund der herrschenden Zeitansichten erwartet. Er ist die Ausnahme, die gebundenen Geister sind die Regel; diese werfen ihm vor, daß seine freien Grundsätze ihren Ursprung entweder in der Sucht aufzufallen haben, oder gar auf freie Handlungen, das heißt auf solche, welche mit der gebundenen Moral unvereinbar sind, schließen lassen. Bisweilen sagt man auch, diese oder jene freien Grundsätze seien aus Verschrobenheit und Überspanntheit des Kopfes herzuleiten; doch spricht so nur die Bosheit, welche selber an das nicht glaubt, was sie sagt, aber damit schaden will: denn das Zeugnis für die größere Güte und Schärfe seines Intellekts ist dem Freigeist gewöhnlich ins Gesicht geschrieben, so lesbar, daß es die gebundenen Geister gut genug verstehen. Aber die beiden andern Ableitungen der Freigeisterei sind redlich gemeint; in der Tat entstehen auch viele Freigeister auf die eine oder die andere Art. Deshalb könnten aber die Sätze, zu denen sie auf jenen Wegen gelangten, doch wahrer und zuverlässiger sein als die der gebundenen Geister. Bei der Erkenntnis der Wahrheit kommt es darauf an, daß man sie hat, nicht darauf, aus welchem Antriebe man sie gesucht, auf welchem Wege man sie gefunden hat.«

Friedrich Nietzsche, »Menschliches, Allzumenschliches«


»Brauche ich nach alledem noch eigens zu sagen, daß auch sie freie, sehr freie Geister sein werden, diese Philosophen der Zukunft – so gewiß sie auch nicht bloß freie Geister sein werden, sondern etwas Mehreres, Höheres, Größeres und Gründlich-Anderes, das nicht verkannt und verwechselt werden will? Aber, indem ich dies sage, fühle ich fast ebensosehr gegen sie selbst, als gegen uns, die wir ihre Herolde und Vorläufer sind, wir freien Geister! – die Schuldigkeit, ein altes dummes Vorurteil und Mißverständnis von uns gemeinsam fortzublasen, welches allzulange wie ein Nebel den Begriff »freier Geist« undurchsichtig gemacht hat. In allen Ländern Europas und ebenso in Amerika gibt es jetzt etwas, das Mißbrauch mit diesem Namen treibt, eine sehr enge, eingefangene, an Ketten gelegte Art von Geistern, welche ungefähr das Gegenteil von dem wollen, was in unsern Absichten und Instinkten liegt – nicht zu reden davon, daß sie in Hinsicht auf jene herauskommenden neuen Philosophen erst recht zugemachte Fenster und verriegelte Türen sein müssen. Sie gehören, kurz und schlimm, unter die Nivellierer, diese fälschlich genannten »freien Geister« – als beredte und schreibfingrige Sklaven des demokratischen Geschmacks und seiner »modernen Ideen«; allesamt Menschen ohne Einsamkeit, ohne eigne Einsamkeit, plumpe brave Burschen, welchen weder Mut noch achtbare Sitte abgesprochen werden soll, nur daß sie eben unfrei und zum Lachen oberflächlich sind, vor allem mit ihrem Grundhange, in den Formen der bisherigen alten Gesellschaft ungefähr die Ursache für alles menschliche Elend und Mißraten zu sehn: wobei die Wahrheit glücklich auf den Kopf zu stehn kommt! Was sie mit allen Kräften erstreben möchten, ist das allgemeine grüne Weide-Glück der Herde, mit Sicherheit, Ungefährlichkeit, Behagen, Erleichterung des Lebens für jedermann; ihre beiden am reichlichsten abgesungnen Lieder und Lehren heißen »Gleichheit der Rechte« und »Mitgefühl für alles Leidende« – und das Leiden selbst wird von ihnen als etwas genommen, das man abschaffen muß. Wir Umgekehrten, die wir uns ein Auge und ein Gewissen für die Frage aufgemacht haben, wo und wie bisher die Pflanze »Mensch« am kräftigsten in die Höhe gewachsen ist, vermeinen, daß dies jedesmal unter den umgekehrten Bedingungen geschehn ist, daß dazu die Gefährlichkeit seiner Lage erst ins Ungeheure wachsen, seine Erfindungs- und Verstellungskraft (sein »Geist« –) unter langem Druck und Zwang sich ins Feine und Verwegne entwickeln, sein Lebens-Wille bis zum unbedingten Macht-Willen gesteigert werden mußte – wir vermeinen, daß Härte, Gewalt samkeit, Sklaverei, Gefahr auf der Gasse und im Herzen, Verborgenheit, Stoizismus, Versucherkunst und Teufelei jeder Art, daß alles Böse,[606] Furchtbare, Tyrannische, Raubtier- und Schlangenhafte am Menschen so gut zur Erhöhung der Spezies »Mensch« dient, als sein Gegensatz – wir sagen sogar nicht einmal genug, wenn wir nur so viel sagen, und befinden uns jedenfalls, mit unserm Reden und Schweigen an dieser Stelle, am andern Ende aller modernen Ideologie und Herden-Wünschbarkeit: als deren Antipoden vielleicht? Was Wunder, daß wir »freien Geister« nicht gerade die mitteilsamsten Geister sind? daß wir nicht in jedem Betrachte zu verraten wünschen, wovon ein Geist sich freimachen kann und wohin er dann vielleicht getrieben wird? Und was es mit der gefährlichen Formel »jenseits von Gut und Böse« auf sich hat, mit der wir uns zum mindesten vor Verwechslung behüten: wir sind etwas andres als »libres-penseurs«, »liberi pensatori«, »Freidenker« und wie alle diese braven Fürsprecher der »modernen Ideen« sich zu benennen lieben. In vielen Ländern des Geistes zu Hause, mindestens zu Gaste gewesen; den dumpfen angenehmen Winkeln immer wieder entschlüpft, in die uns Vorliebe und Vorhaß, Jugend, Abkunft, der Zufall von Menschen und Büchern, oder selbst die Ermüdungen der Wanderschaft zu bannen schienen; voller Bosheit gegen die Lockmittel der Abhängigkeit, welche in Ehren, oder Geld, oder Ämtern, oder Begeisterungen der Sinne versteckt liegen; dankbar sogar gegen Not und wechselreiche Krankheit, weil sie uns immer von irgendeiner Regel und ihrem »Vorurteil« losmachte, dankbar gegen Gott, Teufel, Schaf und Wurm in uns, neugierig bis zum Laster, Forscher bis zur Grausamkeit, mit unbedenklichen Fingern für Unfaßbares, mit Zähnen und Mägen für das Unverdaulichste, bereit zu jedem Handwerk, das Scharfsinn und scharfe Sinne verlangt, bereit zu jedem Wagnis, dank einem Überschusse von »freiem Willen«, .... «

»Jenseits von Gut und Böse«, *44

http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nie..


»Fröhliche Wissenschaft«

Dieser "freie Geist" ist ein direkter Vorläufer des späteren Zarathustra. Für Nietzsche liegt "Übermut, Unruhe, Widerspruch" in diesem Werk, gleichzeitig ist es »ein jasagendes Buch, tief, aber hell und gütig«.

Das Werk vereint Poetik mit Moralkritik und enthält Gedanken zu unterschiedlichsten Themen in fast 400 Aphorismen verschiedener Länge. Es gilt als abschließendes Werk der „freigeistigen“ Periode Nietzsches.

„Selbst an Abgründen noch zu tanzen“, so hatte Nietzsche in der »Fröhlichen Wissenschaft« unser Leben bejahendes Echo aufgefasst: „Ein solcher Geist wäre der freie Geist par excellence.“


»Luftschiffahrer des Geistes« zu sein heißt, ein Leben über den Horizonten zu führen, aber auch keine letztgültigen Wahrheiten mehr zu erwarten. Wer das begriffen hat, der betreibt »fröhliche Wissenschaft«.


»Weil Zeit zum Denken und Ruhe im Denken fehlt, so erwägt man abweichende Ansichten nicht mehr: man begnügt sich, sie zu hassen. Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens wird Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und Urteilen gewöhnt, und jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und Volk von der Eisenbahn aus kennenlernen. Selbständige und vorsichtige Haltung der Erkenntnis schätzt man beinahe als eine Art Verrücktheit ab, der Freigeist ist in Verruf gebracht...«

Friedrich Nietzsche


Literatur:


Friedrich Nietzsche: Wanderer und freier Geist
von Sabine Appel

Nietzsche und der freie Geist - GRIN

Samstag, 12. September 2026

»Das Sein und das Nichts« von Jean-Paul Sartre

Das Sein und das Nichts
Das Sein und das Nichts

Jean-Paul Sartres Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" ist ein sperriges Buch: In kleinsten Schritten und auf mehr als 1000 Seiten entwirft der französische Meisterdenker seine Philosophie, die ihn zum Begründer des französischen Existenzialismus machen sollte.

"Was ist das Sein?", ist Sartres Ausgangsfrage. Dem menschlichen Bewusstsein räumt er eine Sonderstellung über allem ein, was existiert: Nur das Bewusstsein ist "für sich", kann also über sich selbst, die Welt und alle Dinge darin (die bloß "an sich" sind) nachdenken. Die Steine, Pflanzen, Tiere usw. existieren grundlos und ohne jegliches Wissen über ihren Zustand.

Auch der Mensch existiert grundlos - doch er weiß das. Das ist der Kern von Sartres atheistischer Philosophie. Es gibt keinen Gott und damit kein höheres Ziel des Lebens und der Existenz. Die Situation des Menschen nimmt sich nicht gerade erfreulich aus: Er ist in die sinnlose Welt geworfen, alles erscheint ihm "de trop", zu viel, unnötig und sinnlos, und letztlich ist er sogar dazu verurteilt, sich selbst zu wählen.

Sartres existenzialistischer Entwurf wirbelte bei seinem Erscheinen 1943 viel Staub auf und wurde gleichermaßen gehasst wie geliebt. Der Autor avancierte zu einem Star unter den Philosophen des 20. Jahrhunderts.

Litertur:

Das Sein und das Nichts
Das Sein und das Nichts
von Jean-Paul Sartre

Nietzsche und die Umwertung der Werte

Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche



Nietzsche philosophierte buchstäblich „mit dem Hammer“ und wollte nicht weniger als alte Werte „umwerten“. Unter Rückgriff auf einige seiner früheren Schriften bündelt er seine Kritik am Christentum, der er eine bisher nicht gekannte Schärfe gibt.

Friedrich Nietzsche verkündete eine „Umwertung aller Werte“, die sich anhand der plötzlich auftauchenden Annahme, dass Gott tot ist, verdeutlichen lässt. Er kritisierte vor allem die Druck ausübende, auf Abneigung basierende „Sklavenmoral“ des Christentums und forderte ein Wertsystem, das das Herkömmliche der Massen durch eine „Herrenmoral“ ersetzen sollte.


Er dachte dabei an einen individualistisch-autonomen Übermenschen, der seine moralischen und sittlichen Werte (Ethik) selber setzen sollte. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Philosophie Nietzsches von Hitler aufgegriffen und dem Volk in abgeänderter Weise, die die deutliche Kritik am deutschen Nationalsozialismus und am Antisemitismus ignorierte, dem Volk präsentiert.

Nietzsche projizierte in das Werk „Der Tod Gottes“ seine Ansichten über die moderne Welt, die ein Recht erschreckendes Bild abgeben. Im Vordergrund steht das Absinken der Kultur, doch für Nietzsche ´scheint ein übernatureller Vorgang, nämlich der „Tod Gottes“, dessen Wirklichkeit die Gesellschaft noch nicht gemerkt hat, im Mittelpunkt zu stehen.

Die Gesellschaft schwebt derzeit noch in einem Zustand der bürgerlichen Zufriedenheit und scheint den wahren Inhalt von Nietzsches Worten erst in einigen Jahrhunderten entnehmen zu können. Nietzsche sieht das Unheil, das auf die Menschheit zusteuert, hat aber keine Möglichkeit, es abzuwenden.

Diogenes taucht bei Nietzsche in der »Fröhlichen Wissenschaft« als "toller Mensch" auf, welcher Gott mit der Laterne sucht, um dann festzustellen, daß Gott tot ist.