Montag, 13. März 2017

Philosoph Jan Patočka vor 40 Jahren gestorben

Jan Patočka

Der Philosoph Jan Patočka starb am 13. März 1977 in Prag an den Folgen der zermürbenden Verhöre durch die kommunistische Staatssicherheit. Patočka verstarb bereits wenige Wochen nach der Veröffentlichung des Gründungsaufrufs der Charta vom 1. Januar 1977, und zwar an den Folgen der zermürbenden Verhöre durch die kommunistische Staatssicherheit. Sein letzter Text »Was können wir von der Charta erwarten?« stammt vom 8. März, wenige Tage vor seinem Tod geschrieben.

Jan Patočka gehörte zu den Symbolfiguren der Oppositionsbewegung Charta 77 und war ihr erster Sprecher. Er gehörte zu den ersten Unterzeichnern der Charta 77.

Seine Positionen und Texte haben nicht nur die damalige Opposition und ihren Zugang zum kommunistischen Regime geprägt. Der Einfluss Patočkas und insbesondere sein Politikverständnis wirkten sich noch bis nach der politischen Wende des Jahres 1989 aus. Viele Angehörige der ersten Politikergeneration der Nach-Wende-Zeit, die aus dem Umfeld der einstigen Oppositionsbewegung kamen, waren von den Ideen Patočkas inspiriert. Allen voran natürlich der Dramatiker und spätere Präsident Václav Havel.

Das philosophische Werk Patočkas stand unter dem Einfluss von Husserls Phänomenologie. Seine zweite große Inspirationsquelle war Martin Heidegger, Husserls großer Schüler.

Den Menschen betrachtete Patočka stets nicht nur als Individuum, sondern sah auch dessen Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen – Europa oder gar die gesamte Menschheit. Von seinem Umfeld verlangte er stets in diesen – heute würde man sagen – globalen Dimensionen zu denken.

Dazu gehörte auch der Anspruch, stets der Stimme des eigenen Gewissens zu folgen und Entscheidungen zu treffen, die – wenn sie auch nicht gesellschaftlich opportun erscheinen – aus moralischer Sicht richtig sind. Mit dieser Haltung musste Patočka auch zwangsläufig in einen Konflikt mit dem kommunistischen Regime geraten.

Jan Patočka wurde am 1. Juni 1907 in Turnov geboren. Er war einer der vier Söhne des klassischen Philologen und Pädagogen Josef Patočka.


Weblink:

Philosoph Jan Patočka: intellektueller Kopf und Symbolfigur der Charta 77 - Radio Prag - www.radio.cz

Samstag, 11. März 2017

»Abenteuer Freiheit« von Carlo Strenger

Abenteuer Freiheit
Abenteuer Freiheit

»Abenteuer Freiheit« heisst das neue Werk des schweizer Philosoph Carlo Strenger. Strenger ist Psychologe und sein kleines Buch ist eine Verteidigung des liberalen Charakters, auch aus dem Geist der Psychoanalyse, die weiß, dass ungebrochenes Glück in Natur und Gesellschaft nicht vorgesehen sind.

Die westliche Gesellschaft ist ein grosses Glücksversprechen, welches der Einlösung durch den Einzelnen harrt. Nach Strenger besteht die größte Leistung der westlichen Moderne darin, dass Menschen ihr Leben frei nach bestem Wissen und Gewissen gestalten können und ihnen ein breites Spektrum von Lebensformen zur Verfügung steht.

Dies bedeutet aber auch, die Menschen existentielle Fragen selbst beantworten, ihrem Leben selbst einen Sinn geben und ihre Identität selbst finden müssen. Dies setzt Ausdauer, Mut und Anstrengungen voraus – und selbst dann ist der Erfolg nicht garantiert. Das wird von Vielen als bedrohlich empfunden, sie flüchten sich in kollektive Identitäten wie dem fundamentalistischen Islam oder sie verlieren sich in sinnlosem Konsum.

Dies führt Strenger zur Frage, ob angesichts der Radikalisierung vieler Muslime und des Aufstiegs der radikalen Rechten die Bürger der westlichen Welt realisieren, dass sie in einem politischen und gesellschaftlichen System leben, für dessen Erhalt sie kämpfen müssten.
Strengers überzeugt mit der These, dass die westliche Gesellschaft kaum überleben wird, wenn die Bevölkerung des Westens die persönliche Freiheit nicht wertschätzt und sie verteidigt.

Ebenso plausibel ist, dass diese Wertschätzung durch die nicht einlösbaren Glücksversprechen der Wohlstandsgesellschaft unterminiert und durch fundamentalistische Bewegungen aller Art bedroht wird. Stengers Narrativ läßt wenig Raum für eine optimistische Prognose über die Zukunft des Westens.

Strenger wendet sich darin der individuellen Seite der Verunsicherung und des Scheiterns zu: Warum leiden so viele Menschen unter Depressionen und einer erdrückenden Angst vor dem Scheitern? Warum boomen Heilslehren, die uns den Weg zum wahren Selbst weisen wollen?


Strenger räumt darin auch mit einem Mythos aus. Die Idee des Grundrechts auf ein müheloses Glück ist ein Mythos, sagt der Philosoph Carlo Strenger in seinem neuen Buch »Abenteuer Freiheit«. All das hat laut Strenger, damit zu tun, dass es sich bei der Idee, es gäbe so etwas wie ein Grundrecht auf müheloses Glück, um einen Mythos handelt.

Ausgehend von Denkern wie Spinoza, Nietzsche und Freud legt er dar, dass lange die Überzeugung vorherrschte, Konflikte und Scheitern gehörten zur menschlichen Natur. Daher, so schließt er aus den Biografien von Künstlern wie James Joyce, Pablo Picasso und Francis Ford Coppola, müssen wir wieder lernen, dass Freiheit ein lebenslanges Abenteuer ist: riskant, aber zugleich viel interessanter, als und die Massenkultur heute weismachen will.

Literatur:

Abenteuer Freiheit
Abenteuer Freiheit
von Carlo Strenger