Samstag, 1. Mai 2021

Nietzsches Gedanken über Luther

Nietzsche, der Sohn eines lutherischen Pfarrers und ehemalige Student der Theologie macht mit
seiner Kritik am Christentum vor Luther nicht halt, dessen Reformation er in "Die fröhliche
Wissenschaft" als ,,Bauernaufstand des Geistes" bezeichnet. Einige der schönsten Polemiken:


Luther ließ seine Wuth gegen die vita contemplativa
aus, nachdem ihm das Mönchsleben rnißrathen war
und er sich zum Heiligen unfähig tühlte, rachsüchtig
und rechthaberisch, wie er war, trat er auf die Seite
der vita practica, der Ackerbauer und Schmiede.

"Nachgelassene Fragmente", Sommer 1880 4 [59] (KSA 9, S. 113)

Luther, der grosse Wohlthäter. - Das Bedeutendste, was Luther gewirkt hat,
liegt in dem Misstrauen, welches er gegen die Heiligen und die ganze christliche vita
contemplativa geweckt hat: seitdem erst ist der Weg zu einer unchristlichen vita contemplativa
in Europa wieder zugänglich geworden und der Verachtung der weltlichen
Thätigkeit und der Laien ein Ziel gesetzt. Luther, der ein wackerer Bergmannssohn
blieb, als man ihn in's Kloster gesperrt hatte und hier, in Ermangelung anderer Tiefen
und "Teufen", in sich einstieg und schreckliche dunkle Gänge bohrte, - er merkte endlich,
dass ein beschauliches heiliges Leben ihm unmöglich sei und dass seine angeborene
"Activität" in Seele und Leib ihn zu Grunde richten werde. Allzulange versuchte er
mit Kasteiungen den Weg zum Heiligen zu finden, - endlich fasste er seinen Entschluss
und sagte bei sich: ,,es giebt gar keine wirkliche vita contemplativa! Wir haben uns
betrügen lassen! Die Heiligen sind nicht mehr werth gewesen, als wir Alle." - Das war
freilich eine bäuerische Art, Recht zu behalten, - aber für Deutsche jener Zeit die
rechte und einzige: wie erbaute es sie, nun in ihrem Lutherischen Katechismus zu lesen:
"ausser den zehn Geboten giebt es kein Werk, das Gott gefa1len könnte, - die
gerühmten geistiichen Werke der Heiligen sind selbsterdachte."

"Morgenröthe", Erstes Buch 88 (KSA 3, S. 82-83)


Der geistliche Überfall. - Das musst du mit dir selber ausmachen, denn es gilt dein Leben," mit diesem Zurufe springt Luther
heran und meint, wir flihlten uns das Messer an den Hals gelegt. Wir aberwehren ihn mit den Worten eines Höheren und Bedachtsameren
von uns ab: ,,Es steht bei uns, über Diess und Das keine Meinung zu bilden und so unsrer Seele die Unruhe zu ersparen. Denn die Dinge selbst
können ihrer Natur nach uns keine Urtheile abnöthigen."

"Morgenröthe", Erstes Buch 82 (KSA 3, S. 78-79)


Luther giebt wieder die Grundlogik des Christenthums, die Unmöglichkeit der Moral und folglich der Selbstzufriedenheit,
die Nothwendigkeit der Gnade und folglich der Wunder und auch der Prädestination. Im Grunde ein Eingeständniß des
Überwundenseins und ein Ausbruch von Selbst-Verachtung.

"Nachgelassene Fragmente", Herbst 1885-Frühjahr 1886 1 [5] (KSA 12, S' 12)

Ich glaube ganz und gar nicht daran, daß ein Mensch aufEin Mal ein hoher wertvoller Mensch wird; der Christ ist mir ein
ganz gewöhnlicher Mensch mit ein paar anderen Worten und Werthschätzungen. Auf die Dauer wirken freilich diese Worte und Werke und schaffen vielleicht einen Typus: der Christ als die verlogenste Art Mensch. Daßermoralisch redet, das verdirbt ihn durch und durch: man sehe Luther. Ein greulicher Anblick, weichlich-sentimental, furchtsam, aufgeregt - - - komisch! wie der,,Wahrheitssinn"
erwacht und gleich wieder einschläft!

"Nachgelassene Fragmente", Frühjahr 1884 25 [499] (KSA 11, s. 145)

Persönliche Auszeichnung, - das ist die antike
Tugend. Sich unterwerfen, folgen, öffentlich
oder in der Verborgenheit, - das ist deutsche
Tugend. Lange vor Kant und seinem kategorischen
Imperativ hatte Luther aus der selben
Empfindung gesagt: es müsse ein Wesen geben,
dem der Mensch unbedingt vertrauen
könne, - es war sein Gottesbeweis, er
wollte, gröber und volksthümlicher als Kant, dass
man nicht einem Begriff, sondern einer Person
unbedingt gehorche und schliesslich hat auch
Kant seinen Umweg um die Moral nur desshalb
genommen, um zum Gehors am ge gen die
P e r s o n zu gelangen: das ist eben der Cultus
des Deutschen, je weniger ihm gerade vom Cultus
in der Religion übrig geblieben ist.

"Morgenröthe", Drittes Buch 207 (KSA 3, S. 188)


Literatur:

Morgenröthe
Morgenröthe
von Friedrich Nietzsche
Weblinks:

Martin Luther-Biografie - Biografien-Portal - www.die-biografien.de

Martin Luther-Zitate - Zitate-Portal - www.die-zitate.de


Das philosphische Verständnis von der Religion

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