Samstag, 29. April 2017

Kants Erkenntnistheorie


Immanuel Kant

Immanuel Kant war einer der ersten Philosophen der Neuzeit, der versucht hat, eine allgemeingültige Formel zur Herleitung moralischer Gesetze zu finden. Diese sollte nur durch die Zuhilfenahme der Logik und der Vernunft gefunden werden, ohne dabei solche subjektiven Werte wie Erfahrung, Ideologien oder Wünsche zu berücksichtigen. Kant vertrat und verfolgte dabei eine Ablehnung der traditionellen Metaphysik.

Es gibt eine berühmte Szene der Geistesgeschichte, in der buchstäblich die Metaphysik durch den Empirismus ernüchtert wird. In seiner Schrift "Träume eines Geistersehers" (1766) hat Immanuel Kant (1724-1804) angemerkt, was ihn zur Ablehnung der traditionellen Metaphysik geführt habe. Kein Geringerer als der Empiriker David Hume (1711-1776) habe ihn, so Kant in einem Brief, "aus dem dogmatischen Schlummer geweckt".

Kant erkennt die Kritik Humes am Rationalismus als methodisch richtig an, d. h. eine Rückführung der Erkenntnis allein auf den reinen Verstand ohne sinnliche Anschauung ist für ihn nicht mehr möglich. Andererseits führt der Empirismus von David Hume zu der Folgerung, dass eine sichere Erkenntnis überhaupt nicht möglich sei, d. h. in den Skeptizismus.

Diesen erachtet Kant jedoch angesichts der Evidenz gewisser synthetischer Urteile a priori – vor allem in der Mathematik (etwa die apriorische Gewissheit der Gleichung 7 + 5 = 12) und in der (klassischen) Physik für unhaltbar. Immerhin aber habe der Hume’sche Skeptizismus „einen [methodischen] Funken geschlagen“, an welchem ein erkenntnistheoretisches „Licht“ zu „entzünden“ sei.

So kommt Kant zu der Frage, wie Erkenntnis überhaupt und insbesondere Erkenntnis a priori möglich sei; denn dass sie möglich sei, stehe angesichts der Leistungen der Mathematik und der Physik außer Frage. Unter welchen Bedingungen ist also Erkenntnis überhaupt möglich? Oder – wie Kant es formuliert –: Was sind die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis?

Die Kritik der reinen Vernunft, in der Kant seine Erkenntnistheorie als Fundament einer wissenschaftlichen Metaphysik formuliert, ist daher eine Auseinandersetzung einerseits mit der rationalistischen, andererseits mit der empiristischen Philosophie des 18. Jahrhunderts, die sich vor Kant gegenüberstanden. Zugleich wird die KrV eine Auseinandersetzung mit der traditionellen Metaphysik, soweit diese Konzepte und Modelle zur Erklärung der Welt jenseits unserer Erfahrung vertritt.

Gegen den Dogmatismus der Rationalisten steht, dass Erkenntnis ohne sinnliche Anschauung, d. h. ohne Wahrnehmung, nicht möglich ist. Gegen den Empirismus steht, dass sinnliche Wahrnehmung unstrukturiert bleibt, wenn der Verstand nicht Begriffe hinzufügt und durch Urteile und Schlüsse, d. h. durch Regeln mit der Wahrnehmung verbindet.

Sollen wir das festgegründete Reich der Vernunft verlassen und aufs offene Meer des Unbekannten hinausfahren, hatte Kant gefragt und dafür plädiert, hier zu bleiben. Nietzsche aber war hinausgefahren, mit seinem Denken kommt man nirgendwo an, es gibt kein Ergebnis, kein Resultat.

"Denken ist die Erkenntnis durch Begriffe." "Denken ist Reden mit sich selbst."


Die Erkenntnis kommt nicht aus sich heraus. Hierin folgt Nietzsche noch Kant. Anders aber als Kant gewöhnt sich bei Nietzsche der Geist an Formen. Nicht (die Kantsche) Vernunft, sondern Gewöhnung führt zu so etwas wie "Vernunft":

Was ist "erkennen"? Zurückführen von etwas Fremdem auf etwas Bekanntes, Vertrautes. Erster Grundsatz: das, woran wir uns gewöhnt haben, gilt uns nicht mehr als Rätsel, als Problem. Abstumpfung des Gefühls des Neuen, Befremdenden: alles, was regelmäßig geschieht, scheint uns nicht mehr fragwürdig. Deshalb ist die Regel suchen der erste Instinkt des Erkennenden: während natürlich mit der Feststellung der Regel noch gar nichts "erkannt" ist.

Friedrich Nietzsche, »Nachgelassene Fragmente Sommer 1886 - Herbst 1887«, S. 1


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