Mittwoch, 30. November 2016

Nietzsche-Rezeption


Friedrich Nietzsche (1844-1900) gehört zu den zentralen und wirkungsmächtigsten Denkerpersönlichkeiten der Moderne. Nietzsche ist nicht nur als Kritiker überkommener Weltanschauungen, Weltdeutungsentwürfe und deren Grundlagen aufgetreten und nicht nur als Prediger einer Überwindung all dessen, sondern stellt — vor allem im deutschsprachigen Raum — auch den Bezugspunkt der geistigen und künstlerischen Entwicklungen der Jahrhundertwende und Moderne dar.

Eine fast unüberschaubare Flut von Publikationen beschäftigt sich mit seinem Werk, das fundamentale Bedeutung nicht nur für die philosophische Diskussion, sondern auch für die Literatur, Anthropologie, Psychologie, Religions- und Kulturkritik hat.

"Die Bedingungen, unter denen man mich versteht und dann mit Nothwendigkeit versteht, – ich kenne sie nur zu genau. Man muß rechtschaffen sein in geistigen Dingen bis zur Härte, um auch nur meinen Ernst, meine Leidenschaft auszuhalten. Man muß geübt sein, auf Bergen zu leben, – das erbärmliche Zeitgeschwätz von Politik und Völker–Selbstsucht unter sich zu sehn. Man muß gleichgültig geworden sein, man muß nie fragen, ob die Wahrheit nützt, ob sie Einem Verhängniß wird... Eine Vorliebe der Stärke für Fragen, zu denen Niemand heute den Muth hat; der Muth zum Verbotenen; die Vorherbestimmung zum Labyrinth. Eine Erfahrung aus sieben Einsamkeiten. Neue Ohren für neue Musik. Neue Augen für das Fernste. Ein neues Gewissen für bisher stumm geblieben Wahrheiten. Und der Wille zur Ökonomie großen Stils: seine Kraft, seine Begeisterung beisammen behalten... Die Ehrfurcht vor sich; die Liebe zu sich; die unbedingte Freiheit gegen sich ..."

Die historischen Umwälzungen von der Französischen Revolution bis zum Pariser Kommune-Aufstand forderten sein Denken nachhaltig heraus. Historische Analysen von Tocqueville bis Jacob Burckhardt bildeten für ihn wichtige Koordinaten. Positivismus und Historismus, Psychologie und Physiologie des 19. Jahrhunderts waren für ihn ebenso Meilensteine der geistigen Auseinandersetzung wie Schopenhauer, Wagner und Darwin.

< Ähnlich vieldimensional ist die Wirkungsgeschichte Nietzsches, den Gottfried Benn das „größte Ausstrahlungsphänomen der Geistesgeschichte“ nannte. Es genügt, an Thomas Mann, Hofmannsthal, Musil, Benn, Freud und Heidegger sowie an die Wirkung Nietzsches im französischen Geistesleben von Gide bis zu Derrida zu erinnern, ferner an die ideologische und politische Sprengkraft, die der weltanschaulich vereinnahmte Nietzsche im 20. Jahrhundert erhielt; zu betonen ist auch seine Schlüsselstellung für die moderne Anthropologie und Kulturkritik.

Umso erstaunlicher ist es, dass es bis heute keinen übergreifenden Kommentar zu seinem Gesamtwerk gibt, der die philosophischen, historischen und literarischen Voraussetzungen aufarbeitet und die Wirkungsgeschichte der von Nietzsche publizierten Bücher erschließt. Diese Lücke ist auch dadurch bedingt, dass die Nietzsche-Forschung schon seit dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts den Nachlass überbewertete und die von Nietzsche selbst veröffentlichten Bücher vernachlässigte.

Die Nachberichtsbände der Historisch-kritischen Ausgabe von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, die aufgrund der editionsphilologischen Schwerpunktbildung im Bereich der Kommentierung bewusst zurückhaltend bleiben, bieten nur wenige Hinweise. Umso dringlicher ist angesichts von Nietzsches exzeptioneller Wirkung die Erarbeitung eines wissenschaftlichen, interdisziplinär fundierten Basiskommentars zu Nietzsches Werken.

Gewiss gibt es diesen Nietzsche, den Philosophen des Pop, der Subkultur und der Inszenierung, der mit Maske, Schminke und Mimikry spielt, dabei das gute Leben predigt und zum Lustwandeln in der postmodernen Interfacekultur auffordert. Und gewiss symbolisiert der Eigenname Nietzsche die Einheit einer Differenz, die den Beobachter dazu einlädt, sich bei ihm wie in einer Werkstatt zu fühlen, sich dort je nach Geschmack, Laune oder Wertgefühl das herauszuholen, was einem gerade so gefällt.

Weblinks:

https://portal.uni-freiburg.de/ndl/forschung/nietzsche http://www.rudolf-maresch.de/texte/39.pdf Lernt mich gut lesen! - Über Nietzsche-Hype, den Übermenschen und Versuchen, der Evolution technisch auf die Sprünge zu helfen

Samstag, 26. November 2016

Leibniz - ein Butterkeks?

Gottfried Wilhelm Leibniz

Manche Irrtümer halten sich hartnäckig. Viele Zeitgenossen halten Gottfried Wilhelm Leibniz für einen Keksbäcker - dabei ist er einer der wichtigsten Gelehrten der Frühaufklärung.

Viele halten Leibniz für einen Butterkeks. Dabei hat Leibniz alles mögliche erfunden - nur nicht den Butterkeks. Die Ehre, den Buterkeks erfunden zu haben, kam bekanntlich dem Hannoveraner Händler Hermann Bahlsen zu. Wie Leibniz auf den Keks kam.

Hermann Bahlsen arbeitete in London und wunderte sich, dass es das dortige leckere Teegebäck noch nicht in Deutschland gab. 1891 war es so weit und der Amateur-Bäcker brachte die “Cakes” in Deutschland auf den Markt. Da die Deutschen das englische “Cakes” falsch aussprachen, wandelte es sich zum heute bekannten “Keks”. Knapp 20 Jahre später kam es als offizielles Wort in den Duden. Gründer Bahlsen wählte wie damals üblich eine große Persönlichkeit als Namensgeber für seinen Butterkeks aus: Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz.

Aber mit Keks und Leibniz war trotzdem etwas Gemeinsames. Leibniz ging nämlich vielen Zeitgenossen gehörig auf den Keks. Und dann noch die Zähne: bei Leibniz nur echt mit 36 und bei den Keksen nur echt mit 52 Zähnen.

Auf seine Zeitgenossen wirkte der früh Hochbegabte immer etwas befremdlich, denn er hatte mindestens so viele Begabungen wie der nach ihm benannte Butterkeks Zähne. Leibniz sagte über sich selbst: „Beim Erwachen hatte ich schon so viele Einfälle, dass der Tag nicht ausreichte, um sie niederzuschreiben.“

Zeitlebens trieb ihn ein unerschütterlicher Optimismus an. Der Philosoph, Mathematiker und Fürstenberater war bis zu seinem Tod überzeugt davon, die Welt verbessern zu können. Er wollte die Spaltung der Kirche überwinden und entwickelte eine Universalsprache, um Missverständnisse zwischen den Völkern zu beenden.

Gottfried Wilhelm Leibniz war Mathematiker, Philosoph, Diplomat, Ingenieur, Historiker - und ersann den Urahn des modernen Computers. Leibniz gilt als letzter Universalgelehrter und hatte starken Einfluss auf die nachfolgenden Aufklärer, die klassische deutsche Philosophie, den deutschen Idealismus und die Literatur der Klassik. Er wirkte auch als politischer Berater an euopäischen Fürsten- und Königshäusern.

Weblink:

Leibniz Kekse - Das Original - Nur echt mit 52 Zähnen - www.leibniz.de

Samstag, 19. November 2016

Glaube ist schwierig geworden

„Glaube ist schwierig geworden,

weil die Welt, die wir antreffen,
ganz von uns selber gemacht ist und sozusagen

Gott in ihr nicht mehr direkt vorkommt.“


Glaube ist schwierig geworden, weil die Welt, die wir antreffen, ganz von uns selber gemacht ist und sozusagen Gott in ihr nicht mehr direkt vorkommt. Ihr trinkt nicht aus der Quelle, sondern aus dem, was uns schon abgefüllt entgegen kommt. Die Menschen haben die Welt sich selber rekonstruiert, und ihn dahinter noch zu finden, ist schwierig geworden. Das ist also nicht spezifisch für Deutschland, sondern etwas, was sich in der ganzen Welt, vor allen Dingen in der westlichen Welt zeigt. Andererseits wird der Westen jetzt stark berührt von anderen Kulturen, in denen das originär Religiöse sehr stark ist, die auch erschrecken über die Kälte Gott gegenüber, die sie im Westen vorfinden. Und diese Präsenz des Heiligen in anderen Kulturen, wenn auch in vielfältigen Verschattungen, rührt dann auch wieder an die westliche Welt, rührt uns an, die wir im Kreuzungspunkt so vieler Kulturen stehen.

Papst Benedikt XVI., 13.08.2006 


INTERVIEW MIT PAPST BENEDIKT XVI. - Vatikan-Portal - w2.vatican.va

Gottfried Wilhelm Leibniz - das letzte Universalgenie

Der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz versuchte zeitlebens, Theorie und Praxis zu verbinden. Der 200.000 Seiten umfassende Nachlass des grossen Denkers birgt bis heute Überraschendes.

Gottfried Wilhelm Leibniz, der am 14. November 1716 im Alter von 70 Jahren starb, gilt als das letzte Universalgenie. Zeitlebens trieb ihn ein unerschütterlicher Optimismus an. Der Philosoph, Mathematiker und Fürstenberater war bis zu seinem Tod überzeugt davon, die Welt verbessern zu können. Er wollte die Spaltung der Kirche überwinden und entwickelte eine Universalsprache, um Missverständnisse zwischen den Völkern zu beenden.

Als Quell der Inspiration hilft Gottfried Wilhelm Leibniz auch 300 Jahre nach seinem Tod der Wissenschaft von heute. "Seine Visionen auf unterschiedlichsten Gebieten inspirieren Wissenschaftler bis heute", sagt der Leiter des Leibniz-Archivs in Hannover, Michael Kempe. So sei ein Software-Entwickler aus den USA angereist, um in Leibniz' Schriften Anregungen für neue Algorithmen zu finden.

In der Mathematik war er seiner Zeit weit voraus. Ohne das von Leibniz beschriebene Dualsystem gäbe es keine Computer. Seine Überlegung, dass Raum nichts Absolutes ist, verweist bereits auf Einsteins Relativitätstheorie.

Die niedersächsische Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek verwahrt den Nachlass des großen Denkers. Die 200.000 handschriftlich beschriebene Seiten lagern dort, darunter der zum Unesco-Welterbe gehörende Briefwechsel mit 1300 Briefpartnern rund um den Erdball. Leibniz dachte global und suchte die Nähe zu Russland und China, um von anderen Kulturen zu lernen.

Leibniz beschränkte sich nicht auf die Theorie, er war ein Forscher mit Hang zum Abenteuer. Der Hofrat kraxelte durch die Bergwerke des Harzes und konstruierte Windmühlen zum Antrieb von Pumpen. Weil ihm das Schreiben in der wackligen Postkutsche schwerfiel, entwarf er bequeme Reisesitze und Kabinen. Stets hatte der Frühaufklärer das große Ganze im Blick: Seine nie vollendete Geschichte der Welfen im Auftrag des Hofes begann Leibniz mit einer Abhandlung über die Entstehung der Erde. Grundlage waren auch eigene Fossilien wie ein versteinerter Mammutzahn.

Weblink:

Gottfried Wilhelm Leibniz - Das letzte Universalgenie - www.nano.de

Mittwoch, 9. November 2016

Der Weltgeist als lauter Polterer

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Georg Wilhelm Friedrich Hegel sah im Jahr 1809 in Napoleon nach der Niederlage der preussischen Armeen den "Weltgeist zu Pferde" in Berlin am Volk vorbeireiten. Da hatte er bereits seine Schrift »Phänomenologie des Geistes« in Jena vollendet.

Nun, würde Donald Trump - am einem welthistorischen Tag wie dem 9. November - nach seinem Wahlsieg in Washington stolz zu Pferde am Spalier des Volkes vorrüberreiten, was würde Hegel wohl über diesen Donald Trump sagen? Würde der deutsche Philosoph des Idealismus ihn gar als störenden Poltergeist betrachten?

Dann würde er womöglich eine zeitgemäße »Phänomenologie des Ungeistes« über einen negierenden Weltgeist schreiben, der sich als politischer Ruhestörer anschickt, dem amerkanischen Establishment eine vernichtende Niederlage beizubringen.

Hegel ist der Weltgeist-Schöpfer. Der idealistische Denker erklärte die Entwicklung der Welt als Selbstbewußtwerdung des Weltgeistes, da Denken und Sein eins seien. In der Weltgeschichte und dem Aufkommen und Untergehen einzelner Staaten wird der objektive Geist zum allgemeinen „Weltgeist“ erhoben.

Gemäß Hegels Lehre entwickelt sich aus einer Folge von Negationen der Geist, aber auch die Wirklichkeit zu immer höheren Formen. Dies lässt sich in den kleinsten Erscheinungen der Natur ebenso beobachten wie in der Geschichte der Menschheit.

Ja, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und sein berühmer geschichtlicher Fortschrittsglaube. Der preussische Staatsdenker sah den Staat Preussen als Vollendung der Weltgeschichte. In der absolutistischen Staatsform hatte sich nach seiner Auffassung Geschichte vollendet.- So schafft man sich als Denker wissenschaftlich seine eigene Legende!

Literatur:

Phänomenologie des Geistes
Phänomenologie des Geistes
von Georg Friedrich Wilhelm Hegel

Samstag, 5. November 2016

»Theodizee« von Gottfried Wilhelm Leibniz

Gottfried Wilhelm Leibniz

Der Begriff »Theodicée« - später deutsch »Theodizee« - geht auf den Philosophen und frühen christlich-abendländischen Vordenker der Aufklärung Gottfried Wilhelm Leibniz zurück.

Aus den philosophischen Gesprächen, die er während seiner Besuche in Berlin mit der preußischen Königin Sophie Charlotte führte, entstand die »Theodicée« (1710 veröffentlicht), in der Leibniz eine Rechtfertigung Gottes ange­sichts des Übels und der Leiden in der Welt versucht.


„Meine Absicht ist es, die Menschen von den falschen Vorstellungen zu befreien, die ihnen Gott als einen absoluten Herrscher darstellen, despotisch Macht ausübend, wenig geeignet und wenig wert, geliebt zu werden.“

Gottfried Wilhelm Leibniz



Leibniz’ populäre Darstellung vieler seiner Grundgedanken unter dem Titel »Theodizee« behandelt u. a. diese Ausräumung von vermeintlich an Gott zu richtenden Einwendungen wegen der Unvollkommenheit der Welt und der erfahrenen Leiden.