Freitag, 14. November 2003

»Der erste Mensch« von Albert Camus

Der erste Mensch

»Der erste Mensch« von Albert Camus

Kurz vor seinem Tod sprach Albert Camus gegenüber Freunden von einem Roman mit dem Titel »Der erste Mensch«, den er bereits früher in seinen Aufzeichnungen erwähnt hatte. Das Manuskript wurde in der Mappe gefunden, die Albert Camus mit sich führte, als am 4. Januar 1960 Michel Gallimards Wagen bei geschätzten hundertfünfzig Stundenkilometern aus nie geklärten Gründen von der schnurgeraden Straße abkam und gegen einen Baum prallte.

An seinem Anfang steht Albert Camus' eigene Geburt. Ein junges Paar ist aus Frankreich gekommen. Von Algier reist es in das kleine Dorf, in dessen Nähe der Mann die Verwaltung eines Hofes übernehmen soll. Der arabische Kutscher peitscht die Pferde durch die regnerische Novembernacht. Die Frau ist hochschwanger. Gleich nach der Ankunft, noch bevor der Arzt eintrifft, kommt das Kind zur Welt. Albert Camus nennt sich Jacques Cormery. Die biographischen Eckdaten und existentiellen Stationen seiner literarischen Figur entsprechen bis in Details der Vita des am 7. November 1913 geborenen Dichters, der hier seine algerische Kindheit erzählt. Von ihr war nur wenig bekannt und Cormery übrigens der Name seines Großvaters mütterlicherseits.

Der Sprung ins zweite Kapitel geht über vierzig Jahre und zurück nach Frankreich. Zunächst emotionslos steht Cormery vor einer Gedenkstätte für Kriegsopfer, deren Namensliste auch seinen Erzeuger aufführt. Was ihn "betraf, so konnte er sich keine Pietät aus den Fingern saugen" - Stil und Stimmung dieser Szene erinnern an seinen Roman "Der Fremde". Nur auf Drängen der Mutter hatte er das Grab seines Vaters, der 1914 im deutschen Kugelhagel an der Marne gefallen war, aufgesucht. Nichts wußte er von ihm, nicht einmal sein Geburtsjahr kannte er - als er mechanisch nachrechnet, stellt Jacques Cormery fest, daß er bereits neun Jahre älter ist, als der Vater (1885-1914) bei seinem Tod war: "Und die Welle von Zärtlichkeit und Mitleid, die auf einmal sein Herz überflutete, war nicht die Gemütsregung, die den Sohn bei der Erinnerung an den verstorbenen Vater überkommt, sondern das verstörte Mitgefühl, das ein erwachsener Mann für das ungerecht hingemordete Kind empfindet - etwas entsprach hier nicht der natürlichen Ordnung, und eigentlich herrschte hier, wo der Sohn älter war als der Vater, nicht Ordnung, sondern nur Irrsinn und Chaos."

Camus zeichnet ein romanhaftes, aber sichtlich um Authentizität bemühtes Porträt seines Vaters. Freunde und Gefährten, die ihn überlebten, geben dem Sohn Auskunft, der auf ergreifende Weise bestrebt ist, eine moralische, philosophische Genealogie zu seinem Vater zu konstruieren, der 1905 - als Zwanzigjähriger - mit der französischen Armee einen Aufstand in Marokko bekämpfte.

Levesque, ein Freund des Vaters, erzählt Cormery davon. In der Nacht hatten die beiden Soldaten einen verstümmelten Kameraden gefunden. Cormery regt sich schrecklich auf, Levesque versucht, ihn zu beschwichtigen: örtliche Sitten, lokale Tradition - es ist Krieg. "Vielleicht, aber sie haben unrecht. Ein Mensch macht so etwas nicht", habe Cormery erwidert: "Ein Mensch, der hält sich im Zaum. Genau das ist ein Mensch, oder sonst..." Und dann hatte er sich beruhigt. "Ich", hatte er gedämpft gesagt, "ich bin arm, ich komme aus dem Waisenhaus, man steckt mich in diese Kluft, man zerrt mich in den Krieg, aber ich halte mich im Zaum." - Und die Franzosen, die sich nicht im Zaum halten, sie "sind auch keine Menschen".

In diesen Szenen, die dem Humanismus der Analphabeten ein Denkmal setzen, steckt der Schlüssel zu Albert Camus' politischer Philosophie, die über alle Toleranz und Differenzen hinweg moralische Maßstäbe setzt. Sie wirkt in unserer Zeit nötiger denn je, erklärt aber auch, warum der Dichter die einseitige Algerienverklärung und den Antikolonialismus-Mythos seiner Generation nicht teilte.

Inzwischen hat ihm die Geschichte recht gegeben und alle jene widerlegt, die zumindest bis zur Unabhängigkeit 1962 von einem autonomen, sozialistischen Algerien schwärmten, auf das sie ihre ideologischen Heilsvorstellungen projizierten. Mit dem Aufkommen des Integrismus wird das Fiasko des progressiven Intellektuellen nur noch deutlicher - und seine Mitverantwortung für den "zweiten Algerien-Krieg" nicht geringer. Er hat in den vergangenen Jahren vierzigtausend Opfer gefordert, von der Öffentlichkeit hierzulande weitgehend ignoriert.

Wie gut Camus die Lage in der französischen Kolonie kannte und einzuschätzen wußte, beweist "Der erste Mensch" schon im ersten Kapitel. Hier entwirft er mit den auftretenden Personen (dem Franzosen, seinem arabischen Kutscher, einer Spanierin) ein genaues "ethnisches" Porträt der algerischen Gesellschaft jener Jahre. Der Familienroman dieser Figuren resümiert exakt - und mit wenig Aufwand - die Einwanderungsgeschichte des Landes. Der ganze kolonialistische Hintergrund mit seinen kulturellen, religiösen, sozialen Aspekten wie Konflikten wird in knappster, aber politisch und historisch äußerst differenzierter Form dargestellt - das ist große literarische Kunst. Der Mutter, der "Witwe Camus" ist "Der erste Mensch" gewidmet: "Dir, die Du dieses Buch nie wirst lesen können" (sie war Analphabetin). Jacques Cormery bezahlt den Aufstieg aus dem Elend seiner Herkunft mit einer sozialen und kulturellen Schizophrenie, unter der Albert Camus sein ganzes Leben zu leiden hatte, auf die aber auch seine Immunität gegenüber Ideologien zurückgeführt werden kann.

Nach seinem Tod hielten es seine Frau und alle Freunde für besser, auf eine Publikation des Romanfragments zu verzichten. Drei Jahrzehnte später hat sich die Tochter des Dichters, Cathérine Camus, die als Anwältin arbeitet, nach intensiver Beschäftigung mit dem Manuskript für eine Veröffentlichung entschieden. Im Frühjahr 1994 erschien "Le premier Homme" in Paris und löste eine unglaubliche Euphorie aus. In der ersten Woche wurden über fünfzigtausend Exemplare abgesetzt, monatelang führte das Buch die Bestsellerlisten an. "Die zweihundertfünfzig Seiten des "Premier Homme' und die fünfzig Seiten Anmerkungen sind absolut wesentlich und unverzichtbar", schwärmte "L'Evénement du Jeudi": "Wir werden eines Tages wohl wissen, warum sie so lange verborgen blieben. Der Grund wird zwangsläufig ein unbedeutender sein angesichts des Schadens, der angerichtet wurde: Alle Camus-Ausgaben sind unvollständig, alle Biographien müssen ergänzt und korrigiert werden, die ihm gewidmeten Studien - sie sind unzählbar - erweisen sich als lückenhaft bis falsch. Diese dreihundert Seiten beginnen mit seiner Geburt und führen bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr; es sind zudem die letzten, die er geschrieben hat - im Laufe des letzten Jahres seines Lebens. Camus' Alpha und Omega, der Ausgangspunkt und die Vollendung."

Gewiß - nur: Der Grund ist bekannt und der Schaden anderer Art. In literarischer Hinsicht erweist sich das "Fragment" zunächst einmal als sehr viel strukturierter und geschlossener, als man je erwartet hätte. Es ist hervorragend ediert, sehr diskret mit den für das Verständnis nötigen Anmerkungen (zum Beispiel bei wechselnden Namen für gleiche Personen) versehen worden und bietet zusätzlich Einblick in Camus' Schreiben: in die Art, wie er mit seinen Figuren umging und Szenen entwickelte. 


Cathérine Camus, die als Erbin über die Autorenrechte verfügt, hat mit ihrer Arbeit, noch mehr aber mit ihrer ziemlich beispiellosen Zurückhaltung dem Vater einen immensen Dienst erwiesen. Für Albert Camus erscheint der Roman mit seinem humanistischen Testament zum bestmöglichen Zeitpunkt: In einer Epoche, die ihn politisch rehabilitiert hat, feiert sein Verfasser als Dichter ein überwältigendes postumes Comeback.

Doch um die Welt - zumindest um Algerien, um Frankreich und um die Intellektuellen beider Länder - wäre es vielleicht etwas weniger schlecht bestellt, wenn "Der erste Mensch" schon etwas früher seine Leser gefunden hätte.

Weblink:

Der erste Mensch
Der erste Mensch von Albert Camus

Freitag, 7. November 2003

»Der Mensch in der Revolte« von Albert Camus

»Der Mensch in der Revolte« ist das zweite philosophische Hauptwerk von Albert Camus. Das zweite philosophische Hauptwerk von Albert Camus überträgt das Prinzip von der individuellen in die politische Sphäre. Sowohl die Hauptfiguren, als auch die Struktur des Widerspruchs folgen hierbei dem bekannten Schema:
Was für den Einzelnen die Sehnsucht nach Einheit war, ist für den Menschen in der Revolte das Gefühl der menschlichen Solidarität. Der Zustand der Welt, der als unvernünftig bezeichnet wurde, wird dementsprechend jetzt als ungerecht konkretisiert. Und das was durch den Zusammenstoß dieser beiden Figuren entsteht, ist nicht mehr das Absurde sondern die Revolte. Doch obwohl dieses Grundprinzip das selbe ist, liegen die Dinge hier doch ein wenig komplizierter:

Durch den Eindruck einer in Hinblick auf Ungerechtigkeit und Unfreiheit besonders zugespitzten Situation werde das im Menschen liegende Gefühl der menschlichen Solidarität geweckt: Er werde zum Menschen in der Revolte. Er verneint die bestehende Welt zugunsten eines in ihm liegenden Prinzips. Doch dieses Prinzip der Solidarität ist, wie Camus ausführt, widersprüchlich: Einerseits stellt es die Forderung nach Freiheit und Gerechtigkeit auf, andererseits erlegt es dem Kampf für diese Forderung strenge Beschränkungen auf.

Denn das reine Gefühl der menschlichen Solidarität ist nicht dazu in der Lage, zwischen Mitteln und Zweck zu differenzieren. Lüge, Mord und andere unmoralische Mittel können nur dann angewandt werden – und selbst dann bedeutet das noch nicht, dass sie gerechtfertigt sind – wenn sie dem unmittelbaren Gefühl der Solidarität entsprechen, also wenn sie unmittelbar einem guten Zweck dienen. Jedes planmäßige politische Handeln stößt schnell an seine Grenzen.

Wie für den Menschen, der sich dem Absurden gegenüber sieht, so ergibt sich also nach Albert Camus auch für den Menschen in der Revolte ein Widerspruch, der ihn zu einer Entscheidung drängt. Doch diesmal droht bei einer falschen Entscheidung nicht bloß die Resignation des eigenen Geistes, sondern die Unterdrückung und Ausbeutung der Menschheit. Wiederum ist die Vernunft nicht dazu in der Lage den Widerspruch, von dem das Gefühl der menschlichen Solidarität geprägt ist, zu erfassen und muss daher eine der beiden Seiten absolut setzen, um die nicht vorhandene Einheit herzustellen.

Weblinks:

Albert Camus – Marxismus und Moral - www.bruchlinien.at Der Mensch in der Revolte
Der Mensch in
der Revolte
Albert Camus

Mittwoch, 5. November 2003

Camus versus Sartre

Camus versus Sartre

Camus stand an der Seite der einfachen Menschen seiner Herkunft und beharrte darauf, Gewalt nicht mit Gewalt zu vergelten und Freiheit auch als Verpflichtung zu begreifen.

Sein Leben und seine Bücher erzählen von der Sehnsucht nach den großen, elementaren Erlebnissen, vom Glück der Beschränkung auf das Essentielle, vom Zauber der Einfachheit. 

Die Protagonisten des Existentialismus, vor allem Jean-Paul Sartre und Albert Camus, gehören zu den bekanntesten Philosophen-Literaten des 20. Jahrhunderts. In Hinsicht auf Sartres Freiheitsbegriff kann der Existentialismus als ein Gipfelpunkt der Moderne gelesen werden.

Die Feindschaft zwischen den beiden Exponenten des Existenzialismus hatte unübersehbar einen klassenkämpferischen Hintergrund: Der dem Elend entwachsene Camus strebte nach Bürgerlichkeit im besten Sinne des Begriffs durch kritische Aneignung der Kultur der Aufklärung, während der dem privilegierten linken Bildungsbürgertum entstammende Sartre und mehr noch dessen Partnerin Simone de Beauvoir vom Virus des Selbsthasses, des Kulturrelativismus und des sozialistischen Nihilismus angesteckt waren.

Sartre kritisierte den Nihilismus der Nazis im Namen des nicht weniger nihilistischen internationalen Sozialismus. Camus kritisierte den Nihilismus mit dem Verweis auf die Zehn Gebote und das Naturrecht. Weblink:

Albert Camus und die Liebe zur Wahrheit - EF-Magazin